Von Newton zu Kant
Siebentes Buch
Von Newton zu Kant
Wenn man, dem Gange der philosophischen Systeme
folgend, von der Erkenntnislehre Leibnizens und der Eng-
länder zu den Anfängen des kritischen . Systems gelangt,
so muß alsbald die Empfindung einer Lücke der geschicht-
lichen Erklärung sich fühlbar machen. Es ist ein ver-
änderter Horizont, in den man sich hier unvermittelt
versetzt sieht. Der Schwerpunkt der Betrachtung hat sich
verschoben; die systematische Stellung der einzelnen Pro-
bleme und ihre gegenseitige Abhängigkeit ist eine andere
geworden. Und dennoch deutet, in Kants eigener Dar-
stellung, kein äußeres Zeichen auf diese Wandlung hin.
Völlig abgeschlossen treten die Grundfragen vor uns hin;
nichts zeigt mehr den Weg oder die inneren Motive an, die
zu ihnen hingeführt haben. Diese Lösung der geschichtlichen
Kontinuität, diese Heraushebung der Lehre aus allen histori-
schen Zusammenhängen ist es, die auch ihrem sachlichen
Verständnis immer von neuem Schwierigkeiten bereitet.
Je tiefer man indessen in die Voraussetzungen der kriti-
schen Philosophie eindringt, um so deutlicher zeigt es sich,
daß die Isolierung, in der man sie zunächst erblickt, nur
Schein ist. Die Originalität der Vernunftkritik besteht nicht
darin, daß sie ein vereinzeltes neues Grundprinzip „entdeckt",
sondern darin, daß sie die Gesamtheit der Erkenntnis-
probleme auf eine andere Stufe der Betrachtung erhebt]
Ihr Wert und ihre Eigenart wird somit nicht verringert,
wenn man erkennt, daß die Materie der besonderen Fragen,
die sie zugrunde gelegt, bis ins Einzelne durch die philo-
sophische und wissenschaftliche Arbeit des achtzehnten Jahr-
hunderts vorbereitet ist. Der Einblick in diesen Zusammen-
hang wird freilich durch die Vielgestaltigkeit der intellektuellen
Interessen des Zeitalters, die sich zunächst nirgends zu einer
festen Einheit zusammenzufassen scheinen, erschwert. Die
mannigfachen gedanklichen Bewegungen der Epoche treten
394 Von Newton zu Kant.
anfangs in schärfstem Widerstreit einander entgegen. Leibniz'
philosophisches Erbe war alsbald nach seinem Tode verstreut
worden ; was von ihm übrig blieb, lebte nur noch in verein-
zelten Anregungen fort, die sich nicht mehr um einen gemein-
samen systematischen Mittelpunkt zu sammeln vermochten.
Und auch die mathematische Naturwissenschaft bietet, so sehr
sie in sich selber ein Muster strenger deduktiver Geschlossen-
heit ist, dem philosophischen Einheitsstreben keine endgültige
Befriedigung. Zwar scheint mit der Lehre Christian
W o 1 f f s die Herrschaft der mathematischen Methode auch
für die Philosophie angebrochen zu sein; und der Eklektizis-
mus der Zeit stützt sich in der Tat fort und fort auf diesen
Zusamm^enhang, um ihn als die echte und dauernde „Ver-
söhnung" von Metaphysik und empirischer Forschung zu
feiern^). Den tieferen logischen Geistern aber wird gerade
diese angebliche Identität der Methoden zum Anstoß
und zum schwierigsten Problem. An die Stelle der naiven
Gleichsetzung tritt bei ihnen die Aufgabe einer exakten Grenz-
bestimmung von Mathematik und Metaphysik. Es ist ein
neues Verhältnis der einzelnen Wissenssphären, es ist damit
ein neuer Begriff der Erkenntnis selbst, der
jetzt in fortschreitenden Versuchen erarbeitet wird. Daß
diese Entwicklung sich zunächst an keinen einzelnen großen
Namen knüpft, darf nicht dazu führen, ihren allgemeinen
Kulturwert zu verkennen. Wie auf moralischem und religiösem
Gebiet, so ist es auch hier, innerhalb des rein theoretischen
Bereichs, eine unschätzbare intellektuelle Aufklärungsarbeit,
die das achtzehnte Jahrhundert vollzieht. Um sich der ein-
heitlichen Tendenz dieser Bewegung zu versichern, muß
freilich von allen üblichen Trennungslinien der philosophischen
Geschichtsschreibung abgesehen werden. Wenn man die
einzelnen Gruppen abgelöst voneinander ins Auge faßt, wenn
man den deutschen Rationalismus oder die Lehre der En-
zyklopädisten, die Naturphilosophie oder die Religions-
philosophie der Zeit gesondert betrachtet, so gerät man damit
1) Besonders charakteristisch hierfür ist Samuel Königs
„Oratio inauguralis de optimis Woifiana et Newtoniana Philosophandi
Methodis earumque amico consensu'* (1749).
Von Newton zu Kant. 396
in Gefahr, über der Erkenntnis des Einzelnen die gemein-
samen Züge zu verlieren, die hier das Entscheidende und
Wesentliche bilden^). Was der Zeit ihr einheitliches Gepräge
gibt, das fällt gleichsam zwischen all diese historischen Sonder-
erscheinungen und tritt erst in den Beziehungen, die
sich zwischen den verschiedenen Problemgebieten knüpfen,
deutlich heraus. Die innere Gemeinsamkeit der Richtungen
erweist sich zunächst in der Aufhebung der nationalen
Schranken: in dem Zusammenhang, der jetzt, enger als je
zuvor, die einzelnen Völker und ihre geistigen Bestrebungen
verbindet. Die drei großen Kulturkreise in England, Frank-
reich und* Deutschland treten nunmehr in so nahe Berührung
und Wechselwirkung, daß es unmöglich ist, auch nur die
Geschichte eines einzelnen Begriffs zu verfolgen, ohne be-
ständig von einem zum andern überzugreifen. Nicht minder
schwinden jetzt alle festen, fachlichen Einteilungen und Ab-
grenzungen. Philosophie und Wissenschaft bilden nur ein
einziges, in sich zusammenhängendes Gebiet, in dem es keine
losgelösten Sonderbezirke gibt. Und es bleibt keineswegs
bei der bloß enzyklopädischen Sammlung des Wissensstoffes,
sondern es ist ^ eine neue methodische Grundansicht, die
in den führenden Denkern, in d'A 1 e m b e r t und M a u -
pertuis, in Euler und Lambert zur Klarheit
drängt. Wir versuchen zu schildern, wie diese Anschauung
sich bildet und wie sie allmählich immer weitere und
konkretere Probleme in ihren Kreis zieht. Hierbei über-
lassen wir uns zunächst lediglich dem Fortgang der geschicht-
lichen Entwicklung selbst, ohne nach dem Ziele zu fragen,
dem sie zustrebt: aber eben diese immanente Betrachtung
wird uns von selber zu den Begriffen und Fragen hinleiten,
von denen die kritische Philosophie ihren Ausgang nimmt.
^) So hat — um nur ein Beispiel herauszugreifen — L e s 11 e
Stephen in seiner eingehenden Schilderung der religiösen Bewegung
in England gerade die theologischen Diskussionen über die Begriffe
des Raumes und der Zeit übersehen, in denen sich die religionsphilo-
sophischen Probleme mit den erkenntnistheoretischen Interessen
der Epoche aufs nächste berühren (S. hrz. Buch VII, Kap. 2, Nr. 2).
Erstes Kapitel
Das Problem der Methode.
I.
Die Aufgabe der Induktion.
Die Entwicklung des Erfahrungsbegriffs kommt in
der Folge der großen empiristischen „Systeme"' nur un-
genügend zur Anschauung. Seit dem Anfang der neueren
Zeit steht neben diesen Systemen ein anderer Gedankenkreis,
der zwar nicht unmittelbar in die abstrakte Spekulation
eingreift, dennoch aber für die Fortbildung ihrer Grund-
fragen von entscheidender Bedeutung wird. Indem die neuere
Naturwissenschaft den Versuch unternimmt, sich rein auf
sich selbst zu stellen und die Hülfe aller philosophischen
„Hypothesen" zu entbehren, entdeckt und erschafft sie gerade
in dieser Grenzscheidung ein neues philosophisches Problem.
Wenn man die zweite Generation der großen Naturforscher
mit der ersten, wenn man Huyghens, Boyle und Newton
mit Kepler und Galilei vergleicht, so fällt zunächst auf,
wie sehr der persönliche Zusammenhang von Philosophie
und exakter Wissenschaft sich jetzt gelockert hat. Sie
alle streben danach, die experimentellen Methoden, die sie
immer schärfer und feiner ausbilden, von der Berührung und
Einwirkung allgemeiner spekulativer Fragen nach Möglich-
keit freizuhalten. Huyghens, dessen Jugend in die Blütezeit
des Cartesianismus fällt und der an dessen Problemen zu-
nächst den regsten Anteil nimmt, läßt in seiner weiteren
Entwicklung und in dem Maße, als der hypothetische Charakter
von Descartes' Physik ihm zum Bewußtsein kommt, die rein
philosophischen Interessen m hr und mehr zurücktreten.
Er diskutiert mit Leibniz die Probleme der Atomistik, wie die
Fragen, die sich an den Gegensatz der absoluten und relativen
Bewegung knüpfen; aber er bewahrt in all diesen Erörte-
Theorie und Erfahrung. 397
rungen die echte Zurückhaltung des positiven Forschers,
der jede Entscheidung, die über die Grenzen der
„Tatsachen" selbst hinausgeht, von sich weist. Noch deut-
licher tritt dieser neue Typus der Naturforschung in dem
Kreise der englischen Denker hervor, der sich um die „Royal
Society" gruppiert. Die „reine Erfahrung" im Gegensatz
zu aller Theorie wird hier das allgemeine Losungswort.
Goethe hat im historischen Teil der Farbenlehre die
intellektuelle Gesamtansicht dieser Epoche prägnant ge-
zeichnet. „Damit man ja vor allem Allgemeinen, vor allem,
was eine Theorie nur von fern anzudeuten schien, sicher
wäre; so sprach man den Vorsatz bestimmt aus, die Phänomene
sowie die Experimente an und für sich zu beobachten, neben-
einander, ohne irgendeine künsthch scheinende Verbindung,
einzeln stehen zu lassen . . . Indem man aber mit Furcht
und Abneigung sich gegen jede theoretische Behandlung
erklärte, so behielt man ein großes Zutrauen zu der Mathematik,
deren methodische Sicherheit in Behandlung körperlicher
Dinge ihr, selbst in den Augen der größten Zweifler, eine
gewisse Realität zu geben schien. Man konnte nicht leugnen,
daß sie, besonders auf technische Probleme angewendet,
vorzüglich nützlich war, umi so ließ man sie mit Ehrfurcht
gelten, ohne zu ahnden, daß, indem man sich vor dem Ideellen
zu hüten suchte, man das Ideellste zugelassen und beibehalten
hatte." Hier lag in der Tat ein logisches Problem vor, das
innerhalb des Kreises der Royal Society selbst allmählich
immer deutlicher zum Ausdruck kommt. Die Erfahrung,
die hier gesucht wird, ist nicht die vage sinnliche Beobachtung,
sondern sie hat bereits alle Methoden der mathematischen
und physikalischen Messung in sich aufgenommen. Die
Messung selbst aber ist nur durch bestimmte Grundbegriffe
und Grundsätze möglich, die an die sinnliche Wahr-
nehmung herangebracht werden. Indem Newto ., der die
Entwicklung der Epoche abschließt, das System dieser
Grundsätze festzulegen sucht, hat er dadurch einen neuen
Inbegi'iff theoretischer Voraussetzungen geschaffen und
damit dem Begriff der ,, Hypothese", den er ursprünglich
bekämpft, selbst einen anderen und tieferen Inhalt gegeben.
398 Das Problem der Methode. — Joseph Glanvill.
Der Zusammenhang von Philosophie und Wissenschaft, der
anfangs gelöst schien, ist damit auf einem neuen Wege wieder
hergestellt.
Ihren theoretischen Ausdruck und ihre explizite Dar-
stellung hat die Grundansicht, die im Kreise der Royal Society
lebendig ist, in den Schriften Joseph Glanvills ge-
funden. Es ist durchaus irrig, wenn man Glanvill — durch
den Titel seines Hauptwerks, der „Scepsis scientifica'* ge-
täuscht — allgemein als ,;Skeptiker" betrachtet und be-
urteilt hat. Seine Skepsis richtet sich, wie er selbst gegenüber
falschen Deutungen, die sie schon bei den Zeitgenossen erfuhr,
nachdrücklich hervorhebt^), lediglich gegen die überlieferte
Schulphilosophie. Ihr stellt er die Methode der induktiven
Forschung gegenüber, als deren eigentlichen Meister er B o y 1 e
verehrt 2). Der Kontrast zwischen der scholastischen Ansicht
der Natur, die die Welt mit bloßen Wortwesen be-
völkert und dem empirischen Verfahren, das lediglich auf
die exakte Feststellung der Phänomene selbst geht, bildet
das durchgängige Thema von Glanvills Schriften. Das neue
Wissensideal, das in der Royal Society seinen sichtbaren
Ausdruck gefunden hat, eröffnet einen unermeßlichen Fort-
schritt, während der bloße ,, Begriffsweg" (the Notional way)
zu ewiger Unfruchtbarkeit verurteilt bleibt^). „Ein Kursus
der Philosophie ist für mich nur eine Narrheit in Folio und
sein Studium nur ein anstrengender Müßiggang. Die Dinge
^) S. bes. Glanvills Schrift: Scirr tuum nihil est: or, the
Authors Defence of the Vanity of Dogmatizing against the Exceptions
of the learned Thom. Albius (Thomas White) in his Late „Sciri",
London 1665. — Vgl. ferner die Verteidigungsschrift Glanvills gegen
Thomas White: „Of Scepticism and Gertainty." (Essays on several
important Subjects in Philosophy and Religion, London 1676, Essay IL)
2) Über Glanvills Stellung zu B o y 1 e und zur empirischen
Naturforschung der Zeit s. bes. seine Schrift: Plus Ultra: Or the
Progress and Advancement of Knowledge since the days of Aristotle.
Occasioned by a Conference with one of the notional way, London
1668; bes. Chap. XII, S. 83 ff. u. 92 ff. — S. a. Essays III: Modern
Improvements of Useful Knowledge.
^) S. bes. Glanvill, Scepsis Scientifica: or Confest Igno-
rance, the way to Science, London 1665, S. 176; Essay IV, S. 36 ff.;
Essay II, S. 44 f. u. s.
. Aristotelische und moderne Naturansicht. 399
werden hier in Begriffsatome zerbröckelt und ihre Substanz
in einen Äther der Einbildung verflüchtigt. Der Verstand,
der in dieser Luft zu leben vermag, ist ein Chamäleon, eine
bloße aufgeblasene Hülse." Im Gegensatz hierzu betrachtet
es die Forschung als ihre erste und vornehmste Aufgabe,
sorgsam zu untersuchen und genau zu berichten, wie
die Dinge sich de facto verhalten. Ihr Geschäft besteht
nicht im Disputieren, sondern im Handeln; ihr Endzweck
geht darauf, die Philosophie von leeren Bildern und Schöp-
fungen der Phantasie zu befreien und sie auf die offenkundigen
Gegenstände der Sinne einzuschränken^). ,,Wenn diese
Methode in der Weise fortschreitet, wie sie begonnen hat,
so wird sie die Welt mit Wundern erfüllen. Ich zweifle nicht,
daß sich für die Nachwelt manche Dinge, die jetzt bloße
Gerüchte sind, in praktische Wirklichkeiten gewandelt haben
werden, daß in wenigen Meuschenaltern eine Reise nach dem
Monde nicht seltsamer sein wird, als heute eine Reise nach
Amerika . . . Diejenigen, die nur nach der Enge früherer
Prinzipien und Grundsätze urteilen, werden freilich über
diese paradoxen Erwartungen lächeln: aber unzweifelhaft
waren die großen Entdeckungen, die in den letzten Jahr-
zehnten der Welt eine neue Gestalt gegeben haben, früheren
Epochen nicht minder lächerlich. Und wie wir heute die
Ungläubigkeit der Alten verdammen, so wird auch die Nach-
welt Ursache genug haben, mitleidig auf die unsere herabzu-
sehen. Es gibt, trotz aller Beschränktheit oberflächlicher
Beobachter, Seelen von weiterem Gesichtskreis, die eine
größere vernünftige Gläubigkeit besitzen. Wer mit der Frucht-
barkeit der Cartesischen Prinzipien und den unermüd-
lichen und scharfsinnigen Bemühungen so vieler wahrer
Philosophen vertraut ist, wird an nichts verzweifeln^).*'
Man sieht: dies ist nicht die Sprache des ,, Skeptikers"; es
ist die Glaubenserklärung der Erfahrungswissenschaft, die
fortan, innerhalb ihres eigentümUchen Gebietes, keine Schran-
ken und Hemmnisse mehr anerkennt.
0 Essay III, S. 37.
2) „Scepsis Scientifica", Chap. XXI, S. 134 f.
400 Das Problem der Methode. — Joseph Glanvül.
Diese Fruchtbarkeit wird freilich damit erkauft, daß
wir auf die Frage nach den metaphysischen „Gründen" der
Phänomene endgültig verzichten lernen. Die „Ursächlich-
keit" kann und darf uns nichts anderes bedeuten als das
empirische Beisammen und die empirische Succession der
Erscheinungen. Jeder Schritt, der hierüber hinausführt,
würde uns ins Dunkle und Unbekannte, in das Gebiet der
bloß fiktiven Begriffswesen zurückleiten. Auf welche Weise
die Wirkung in der Ursache enthalten und durch sie gesetzt
ist: dies läßt sich auf keine W^eise.l o g i s c h deutlich machen.
Daß die Seele, daß ein rein geistiges Wesen den Körper zu
bewegen vermag: dies ist ebenso schwer zu begreifen, wie
daß ein bloßer Wunsch Berge versetzen sollte. Weder die
innere, noch die äußere Walirnehmung, die für uns die einzigen
Quellen der Erkenntnis sind, vermag uns hier einen einzigen
Schritt vorwärts zu bringen. ,,Wenn jemand anderer Meinung
ist, so laßt ihn nur sorgsam seine Vorstellungen prüfen: und
wenn er alsdann irgendeine bestimmte Einsicht von den
Beschaffenheiten des Seins in sich findet, die er weder aus
dem äußeren, noch aus dem inneren Sinn geschöpft hat, so
will ich glauben, daß ein Solcher Chimären zu Wirklich-
keiten machen kann"^). So leitet Glanvill, der ursprünglich
von Descartes ausgegangen war und der in ihm, trotz mancher
Abweichungen im Einzelnen, noch immer den eigentlichen
,, Großsiegelbewahrer der Natur" erblickt^), auf der anderen
Seite unmittelbar zu der Problemstellung Lockes und Humes
über. Aber sein Beispiel lehrt zugleich, daß die bloße Hin-
gabe an die empirische Erforschung der Tatsachen ohne die
tiefere Kritik des Verstandes gegen die Gefahren der Trans-
szendenz nicht dauernd zu schützen vermag. Glanvill
selbst ist, so energisch und unablässig er die Rechte der Er-
fahrung verficht, durch eine merkwürdige Paradoxie der
0 Scepsis Scientifica, Chap. 4, § 2, S. 17 f.
2) Für Glanvills Verhältnis zu Descartes vgl. die enthusiasti-
schen Urteile: Scepsis scientifica, S. 133, 155, 183; u. bes. Sciri tuum
nihil est, S. 5: „If that great Man, possibly one of the greatest that
ever was, must be believed a Sceptic, who would not ambitiously affect
the title'* ?
Das Kausalproblem. 401
Geschichte, gleichzeitig zu einem der eifrigsten Verteidiger
des Hexenglaubens geworden, den er noch einmal im
Bewußtsein der Zeitgenossen zu befestigen und mit neuen
,, tatsächlichen** Bewieisen zu stützen versucht hat^). An
diesem Punkte ist seine wissenschaftliche ,, Skepsis" erlahmt.
Nichts zeigt deutlicher, als dieses Zusammentreffen, daß
die bloße empirische Beobachtung, solange sie sich noch nicht
ihrer letzten Prinzipien und Gründe versichert hat,
für die wahrhaft philosophische und wissenschaftliche Auf-
klärung unzureichend bleibt. Das Verständnis dieser Prin-
zipien aber konnte erst gewonnen werden, nachdem die
Wissenschaft selbst, in der Lehre Newtons, sich ihre einheit-
liche systematische Verfassung erarbeitet hatte.
Die Frage nach der Methode, mit der die moderne Philo-
sophie begonnen hatte, scheint in der Newtonischen Wissen-
schaft in der Tat zum sicheren Abschluß gelangt. Was
die abstrakte Spekulation vergeblich gesucht und ersehnt
hatte, das schien hier die empirische Forschung in ihrem
stetigen Gange errungen zu haben Newtons nächste Schüler
und Anhänger fassen seine Leistung durchaus in diesem
Sinne auf. Ihnen ist Newton nicht in erster Linie der
Entdecker des Gravitationsgesetzes, sondern der Begründer
einer neuen Forsehungsart. Sein Werk bedeutet ihnen zu-
gleich eine philosophische Tat, sofern in ihm das induktive
Verfahren nicht nur zu seinen höchsten Ergebnissen, sondern
überhaupt zur ersten logischen Aussprache und Fixierung
gelangt ist. Die Einsicht in die Grundformel des kosmischen
Geschehens mußte gering erscheinen gegenüber dem großen
prinzipiellen Vorbild, das hier für alle künftige ,,Experimental-
philosophie" geschaffen war 2). Newton selbst hatte, am Schluß
^) Über Glanvills Stellung zum Hexenglauben und seinen „Sad-
ducismus triumphatus" vgl. L e c k y , Geschichte des Ursprungs u.
Einflusses der Aufklärung in Europa, Deutsche Ausg., Lpz. 1873, S. 85 ff.
2) Für die Auffassung und Wertschätzung der Newtonischen
„Methode'* bei den nächsten Schülern und Nachfolgern sei hier nur
ein besonders bezeichnendes Beispiel angeführt: ,,Upon mechanics is
n 26
402 Das Problem der Methode. — Newton.
seiner Optik, das Ziel und den Leitgedanken seiner physikali-
schen Forschung mit der Klarheit des Entdeckers und des
Meisters gezeichnet. Die Frage, was die Schwere ihrem Wesen
nach sei und welchen „inneren" Eigenschaften sie ihre Wirk-
samkeit verdanke, wird hier mit voller Bestimmtheit ab-
gewiesen. Denn wie immer man diese Frage auch beant-
worten mag, so trägt sie doch nichts zu unserer Erkenntnis
der Schwere phänomene bei, mit deren Darstellung
und wechselseitiger funktionaler Verknüpfung die mathe-
matische Physik es allein zu tun hat. Die Prinzipien und
Kräfte, die diese Physik annimmt, wollen keine verborgenen
Eigenschaften bedeuten, deren Ursprung in erdichteten ,, spezifi-
schen Formen" der Dinge zu suchen wäre, sondern sie wollen
lediglich der Ausdruck für die allgemeinen Natur-
gesetze sein, die für alle Formung und Gestaltung der
Dinge die Voraussetzung bilden. „Daß es derartige Prinzipien
tatsächlich gibt, lehren die Erscheinungen der Natur, mag
auch ihre Ursache noch nicht erkundet sein. Die Eigen-
also founded the Newtonian or only true philo-
sophy in the world... It has been ignorantly objected by
some that the Newtonian philosophy, like all others before it, will
grow old and out of date and be succeeded by some new System. . .
But this objection is very falsely made. For never a philo-
sopher before Newton ever took the method
that he did. For whilst their Systems are nothing but hypotheses,
conceits, fictions, conjectures and romances invented at pleasure and
without any foundation in the nature of things, he on the contrary
and by himself alone set out upon a very different footing. For he
admits nothing but what he gains from experiments and accurate
observations and from this foundation whatever is further advanced,
is deduced by strict mathematical reasoning. The foundation is now
firmly laid: the Newtonian philosophy may indeed be improved and
farther advanced: but it can never be overthrown: notwithstanding
the efforts of all the Bernoulli's, the L e i b n i z ' s , the
G r e e n ' s , the Berkeley's, the Hutchinson's etc.
(Emerson, The Principles of Mechanics, London 1773, S. V ff.) —
Vgl. ferner Emerson, A short comment on Sir I. Newtons
Principia, London 1770, S. III; P e m b e r t o n , A view of Sir Isaac
Newtons philosophy, London 1728, Introduct.; s' Gravesande,
Philosophiae Newtonianae Institutiones in usus academicos. Lugd.
Batav. 1723, Praefatio.
Die Grundlegung der Induktion. 403
Schäften, von denen wir sprechen, sind also offenbar, und
nur die Ursachen sind es, die man dunkel nennen kann. Die
Aristoteliker und Scholastiker haben dagegen als dunkle
Qualitäten nicht irgendwelche offenkundige Eigenschaften
bezeichnet, sondern solche, von denen sie annahmen, daß
sie im Körper verborgen seien und den unbekannten Grund
der sichtbaren Wirkungen ausmachen. Von dieser Art wären
aber die Gravitation, wie die elektrische und magnetische
Kraft nur dann, wenn wir voraussetzten, daß sie aus inneren,
uns unbekannten Beschaffenheiten der Dinge stammten, die
unausdenkbar und unerforschlich sind. Derartige ,, Quali-
täten" sind freilich ein Hemmnis jedes wissenschaftlichen
Fortschritts und werden daher von der modernen Forschung
mit Recht verworfen. Die Annahme spezifischer Wesen-
heiten der Dinge, die mit spezifischen verborgenen Kräften
begabt und dadurch zur Erzeugung bestimmter sinnlicher
Wirkungen befähigt sein sollen, ist gänzlich leer und nichts-
sagend. Aus den Phänomenen dagegen zwei oder drei all-
gemeine Bewegungsprinzipien abzuleiten und so-
dann zu erklären, wie aus ihnen als klaren und offen zutage
liegenden Voraussetzungen, die Eigenschaften und Wirkungs-
weisen aller körperlichen Dinge folgen: dies wäre selbst dann
ein gewaltiger Fortschritt wissenschaftlicher Einsicht, wenn
die Ursachen dieser Prinzipien uns unbekannt blieben
Ich stelle daher unbedenklich die angegebenen Prinzipien
der Bewegung auf, da sie sich uns in der gesamten Natur
überall sichtlich darbieten, während ich die Erforschung
ihrer Ursachen gänzlich dahingestelt sein lasse^)."
Diese fundamentalen Sätze bilden den Ausgangspunkt,
zu dem der Streit der Methoden im achtzehnten Jahrhundert
fortan immer von neuem zurückkehrt. In der Tat sind hier
die Hauptfragen der philosophischen Prinzipieniehre wie in
einem Brennpunkt vereinigt. Wie verhalten sich Prinzip
und Tatsache, Gesetze und Dinge, Phänomen
und Ursache? Und die Antwort, die hier erteilt wird.
^) Newton, Optice: lat. reddidit Samuel C 1 a r k e , Lausanne
und Genf 1740, Lib. III, Quaest. 31, S. 326 f.
26*
404 Das Problem der Methode. — Keill und Freind,
ist vor allem in einem Punkte wichtig: in der entschiedenen
und bewußten Trennung, die jetzt zwischen den Prin-
zipien und den Ursachen eintritt. Worauf alle Wissenschaft
abzielt, das ist die Feststellung allgemeinster und oberster
Gesetze, .durch die die Erscheinungen einer bestimmten Regel
und Ordnung unterworfen werden und durch die wir daher
erst zu wahrhaften Erkenntnisobjekten gelangen. Der Seins-
grund dieser Gesetze bleibt uns verschlossen; ja die Frage
nach ihm fällt bereits aus den Grenzen des Wissens heraus.
Ein derartiger Seinsgrund mag immerhin existieren: für
die empirische Forschung aber und ihren Wahrheits-
wert ist er ohne Belang. Denn dieser Wert wird ihr
nicht von außen verliehen, sondern sie muß ihn aus
sich selber gewinnen: aus der strengen deduktiven Ver-
knüpfung, die sie zwischen den einzelnen Phänomenen auf
Grund ihrer mathematischen Erkenntnismittel herstellt. Der
Gegensatz, der hierdurch geschaffen ist, spricht sich von
nun ab in vielfältiger Form aus. Er findet seine konkrete
Entwicklung vor allem in dem Kampf der Newtonischen
und Wolffischen Schule, wie er in den Abhandlungen der
Londoner Royal Society einerseits, in den Leipziger ,,Acta
Eruditorum** andererseits geführt wird: einem Kampfe,
der sich bis über die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts
hin fortsetzt und der sich somit unmittelbar vor den Augen
des jungen Kant abspielt. In der Tat spürt man in Kants
vorkritischen Schriften noch überall deutlich den Nachklang
dieses methodischen Streites, Insbesondere sind es die Argu-
mente der jüngeren radikaleren Mitglieder der Newtonischen
Schule, wie Keill oder Freind, die auf ihn ersichtlich
nachhaltigen Einfluß geübt haben. Die Grenzscheide zwischen
empirischer, und metaphysischer Naturbetrachtung war hier
bereits scharf und unerbittlich gezogen. Wenn man bisher
das absolute Wesen der Wirklichkeit in Definitionen, die
nach Genus und spezifischer Differenz gebildet sind, zu fassen
und festzuhalten wähnte, so gesteht die Erfahrungswissen-
schaft an diesem Punkte frei ihre Unwissenheit. ,,Die innersten
Naturen und Gründe der Dinge — so schreibt Keill in
seiner ,, Einführung in die wahre Physik'* — sind mir un-
Dds Ideal der Beschreibung. 405
bekannt; was. ich dagegen von den Körpern und ihren Wir-
kungen weiß, das verdanke ich entweder dem unmittelbaren
Zeugnis der Sinne oder habe es aus einer Eigenschaft, die
die Sirine mir darboten, erschlossen. Es mag also genügen,
wenn wir an Stelle von Definitionen, wie sie die Logiker
beibringen, eine bloße Beschreibung anwenden, durch
die jedoch der Gegenstand, um den es sich handelt, klar und
distinkt erfaßt und von jedem anderen unterschieden werden
kann. Wir werden also die Dinge durch ihre Eigenschaften
erklären, indem wir irgendein einzelnes Merkmal, oder eine
Anzahl von Merkmalerf, die die Erfahrung uns an ihnen
zweifellos zeigt, zugrunde legen und aus ihnen wiederum
andere Bestimmungen nach geometrischer Methode ableiten.
Gegen diese Regel fehlen zumeist die Lehrer einer aeuen
Philosophie, indem sie die Dinge nicht nach denjenigen Eigen-
schaften betrachten, die ihnen mit Sicherheit zukommen,
sondern nach den Wesenheiten und Naturen forschen, die
sie ihnen innewohnend denken^).** Das empiristische Losungs-
wort der „Beschreibung" der Phänomene ist somit keine
moderne Entdeckung, sondern geht, wie man sieht, bis auf
die Anfänge der „Experimentalphilosophie" zurück. Einen
Naturvorgang ,, erklären'* kann nichts anderes bedeuten,
als ihn in all seinen Einzelmomenten, sowie in der Abhängig-
keit, in der er von anderen Ereignissen und Umständen steht,
zu erfassen. Dieses Ziel ist erreicht, sobald wir ihn, kraft
der mathematischen Rechnung, in Zusammenhang mit irgend-
einer bekannten Tatsache gesetzt haben. Alles Wissen ist
daher, wenn man es auf seine letzten Elemente zuiückführt
schließlich von rein faktisch er Geltung. Die Einsicht
in die Gewißheit unserer wissenschaftlichen Prinzipien ge-
winnen wir nicht dadurch, daß wir sie aus einem höheren
metaphysischen Grunde ableiten, sondern dadurch, daß
1) Kein, Introductio ad veram Physicam, Leyden 1725, S. 15
(erste Ausgabe: Oxford 1702). — Vgl. hiermit insbesondere die Schilde-
rung der Newtonischeji Methode in Kants Schrift über die Deutlich-
keit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral (Akad.
Ausgabe II, 286). K e i 1 1 wird von Kant auch in der „Monadologia
physica" Propos. X u. XI zitiert.
406 Das Problem der Methode.
wir sie, nach vorwärts, in ihre Folgerungen entwickeln und
sie in ihnen mittelbar bewähren. Zum Beweise für diese
Grundanschauung wird jetzt neben dem System der Physik
auch ihre Geschichte aufgerufen. ,,Der göttliche Archi-
medes forschte nach den Gesetzen der Mechanik und Hy-
drostatik, ohne sich dabei aufzuhalten, die Ursache der
Schwere oder des flüssigen Zustandes zu erkunden. Indem
er vielmehr nur das zugrunde legte, was die unmittelbare
Wahrnehmung uns lehrt, drang er von hier aus mit dem
größten Scharfsinn in die Geheimnisse dieser beiden Wissen-
schaften ein. So brachte auch Galilei keinerlei Hypothese
über die Ursache der Schwere vor, sondern stellte lediglich
die Geschwindigkeit fest, die schwere Körper im
Fall erlangen, womit er das Fundament legte, auf dem die
größten Meister in der Physik ihre schönsten Entdeckungen
aufgebaut haben^).*'
Ein Moment tritt jedoch in diesen Darlegungen nicht
hervor, wenngleich es implizit in der Betätigung der Methode
durchweg anerkannt wird. Die ,, Beschreibung" der Tat-
sachen hat ihre Aufgabe erst dann erfüllt, wenn sie in be-
stimmten Größenwerten endet. Eine Tatsache wird niemals
allein durch die vage sinnliche Empfindung, sondern einzig
durch die Angabe ihrer exakten Maße festgestellt. Newtons
dynamische Physik kann freilich gegenüber dem Mechanis-
mus des Cartesischen Natursystems zunächst als , qualitative*'
Naturerklärung erscheinen. Denn während Descartes prin-
zipiell daran festhält, daß alle Bestimmungen der Körper, die
sich klar und deutlich erkennen lassen, auf Bewegungen
zurückgehen und in Bewegungen auflösbar sein müssen,
bleibt Newton bei einer Reihe von Grundeigenschaften stehen,
die sich nicht mehr aufeinander reduzieren lassen. Die
Schwere insbesondere gilt ihm als eine Beschaffenheit, die,
zum mindesten für den empirischen Standpunkt der Physik,
keiner weiteren Zerlegung in bekanntere Erscheinungen
^) S. F r e i n d s Verteidigung seiner „Praelectiones chymicae"
gegen die Kritik der „Acta Eruditorum" (1711): Philosophical Trans-
actions abridged and disposed under General Heads, Vol. V, 1749,
S. 429 f. —
Erfahrung und Mathematik. 407
fähig ist. Was aber die Mannigfaltigkeit der Qualitäten,
die auf diese Weise zurückbleiben, von den scholastischen
Qualitäten trennt, ist der Umstand, daß sie sämtlich in
numerischen W^erten fixierbar und gemäß einer feststehenden
Skala meßbar sind. Deutlich tritt diese Auffassung in der
Neugestaltung hervor, die die Optik durch Newton erfahren
hat. Was das Licht seiner inneren Natur nach sei und ob
es ,,an sich" einfach oder zusammengesetzt ist: diese Frage
gilt ihm hier als völlig müßig. Er beginnt — hierin dem großen
Gegner seiner Optik durchaus verwandt — mit der Be-
trachtung der ,, Taten des Lichts^)": mit der Analyse seiner
empirisch bekannten Wirkungen. Aber diese Analyse führt
nunmehr dazu, in dem anschaulich einheitlichen Phänomen
eine mathematische Differenzierung zu entdecken.
Es gibt verschiedene „Arten" des Lichtes, weil es verschiedene
Zahlenwerte als Ausdruck seiner Brechbarkeit gibt. In diesen
Werten ist alles das, was die betreffende ,, Qualität" physi-
kalisch charakterisiert und unterscheidet, festgehalten. Wenn
die Zeitgenossen, wie z. B. Robert Hooke, gegen diese
Betrachtungsweise einwenden, daß die Brechbarkeit ein
bloßes ,,Accidens" des Lichtes, und daher zur Bestimmung
seines Wesens und seiner spezifischen Differenz nicht brauchbar
sei, so weist Newton diesen Einwurf energisch zurück. Das
physikalische Wesen des Lichtes ist das, was w^ir von
ihm wahrhaft erkennen können, und unsere Erkenntnis
wiederum führt uns über die Abhängigkeit bestimmter Größen-
und Maßverhältnisse nirgends hinaus. Die Phänomene unter
dem Gesichtspunkt ihrer Meßbarkeit zu ordnen und zu einem
System zu verknüpfen, heißt zugleich dasjenige Wissen von
ihnen erlangen, dessen wir allein fähig sind^).
Hatte sich diese Auffassung in dem Kreise der empirischen
Forscher durchgreifende Anerkennung erworben, so bestand
die nächste Aufgabe darin, innerhalb der Philo-
sophie selbst ihr Recht zu begründen und ihre Geltung
zu sichern. An diesem Punkte setzt die Aufklärungsarbeit
^) Vergl. Goethe, Farbenlehre, Dldakt. Teil, Vorwort.
2) Vergl. hrz. L6on Bloch, La Philosophie de Newton
S. 353 ff., 451 f.
408 Das Problem der Methode. — d'Alemhert.
der französischen Encyclopädisten ein. Während Voltaire
vor allem den Inhalt der Newtonischen Lehre darzustellen
und dem. allgemeinen Verständnis nahe zu bringen sucht
ist es d'Alemhert, der, als der bedeutendste Mathe-
matiker und Logiker dieser Richtung, das methodische Problem
in Angriff nimmt. Freilich erhält hierbei die Frage bereits
eine Verschiebung: denn die ,, Prinzipien" sollen jetzt nicht
nur in ihrer Bedeutung für den Aufbau des Systems der
Physik, sondern vor allem auch in ihrer psychologi-
schen Entstehung begriffen und dargestellt werden.
Das Abhängigkeits- und Wertverhältnis, das bisher zwischen
den beiden Gegenpolen der wissenschaftlichen Betrachtung:
zwischen den Tatsachen und den Axiomen stillschweigend
angenommen wurde, ist, wie d'Alemhert ausführt, umzu-
kehren. Die Axiome sind nicht der Quell der Wahrheit,
da sie sich vielmehr bei näherer Prüfung als leere iden-
tische Sätze erweisen, — da somit derselbe Umstand,
der ihnen ihre notwendige Geltung sichert, sie zugleich zu
dauernder Unfruchtbarkeit verurteilt^) . Ihr Wissensgehalt
wurzelt in den Definitionen, die sie als Materie und
Inhalt der Aussage zugrunde legen. Die Definition selbst
aber besitzt keine schöpferische Kraft; sie vermag keine
neuen Wahrheiten zu erzeugen, sondern kann nur gewissen
allgemeinen Tatsachen des Vorstellens zum Ausdruck und
zur Fixierung verhelfen. Die echten Anfangsgründe müssen
somit überall bestimmte psychische Tatbestände bilden,
für die es keine andere Ableitung und keinen Beweis geben
kann, als daß wir sie unmittelbar in äußerer oder innerer
Erfahrung vorfinden. Einen derartigen zweifellosen Aus-
gangspunkt besitzen wir für die Physik in den alltäglichen
Phänomenen der Beobachtung, für die Geometrie in den
sinnlichen Merkmalen der Ausdehnung, für die Metaphysik
in dem Inbegriff unserer Wahrnehmungen, für die Moral
in den ursprünglichen, allen Menschen gemeinsamen Neigungen.
1) d'Al em b ert , Elements de Philosophie (1759), § 4. —
M61anges de litt6rature, d'histoire et de Philosophie, 5 vol., Amster-
dam 1763—70, Bd. IV, S. 25.) — Vgl. Discours pr61iminaire de l'En-
cyclop6die (M^langes I, 46).
Tatsachen und Definitionen. 409
,,Die Philosophie ist nicht dazu bestimmt, sich in die all-
gemeinen Eigenschaften des Seins und der Substanz, in
unnütze Fragen über abstrakte Begriffe, in willkürliche
Einteilungen und ewige Nomenklaturen zu verlieren; sie ist
die Wissenschaft der Tatsachen oder die der Chimären^)."
So sehen wir, wie der rationalistischen Methodik hier ihr
eigenstes und stärkstes Instrument, mit dem sie den Stoff
der Erfahrung zu meistern gedenkt, entwunden werden soll.
Das Besondere sollte durch das Mittel der Definition dem
Allgemeinen eingefügt und unterworfen werden; jetzt ergibt
sich umgekehrt, daß die Definition selbst, der scheinbare
Typus des Allgemeinen, nur eine Einzeltatsache bestimmter
Art ist. Sie begnügt sich damit, Vorstellungsinhalte aufzu-
suchen und festzustellen, die sich in allen Subjekten gleich-
artig wiederfinden, und sie will hierin lediglich ein nicht
weiter erklärbares anthropologisches Faktum registrieren.
Eine Auflösung der zusammengesetzten ,, Ideen*' in ihre
Elementarbestandteile ist die einzige Leistung, die für die
Logik zurückbleibt. Der Anspruch der logischen Definition,
die wirkliche Natur der Sache wiederzugeben, bleibt
dagegen unerfüllbar: „denn nicht nur ist uns die Natur
jedes Einzelwesens unbekannt, sondern wir können nicht
einmal klar angeben, was unter der Natur eines Dinges an
sich selbst überhaupt zu verstehen sein soll. Die Natur eines
Dinges besteht, von uns aus betrachtet, in nichts anderem,
als in der Entwicklung der einfachen Vorstellungen, die in
seinem Begriff enthalten sind." Die übliche Scheidung in
Real- und Nominaldefinitionen ist daher müßig. Unsere
wissenschaftlichen Erklärungen sind weder das eine noch
das andere: denn so wenig sie bloße Bezeichnungen sein
wollen, die wir den Objekten anheften, so wenig geben sie
uns Kunde von ihrer inneren Wesenheit. Sie erklären die
Natur des Gegenstandes, so wie wir ihn begreifen, nicht so
wie er an sich selbst ist 2). Die eigentliche Einsicht in die
Bedeutung eines Begriffes gewinnen wir nicht dadurch.
*) d*A 1 e m b e r t , Elements de Philosophie, a. a. O., S. 27.
2) Elements de Philosophie, S. 33.
410 Das Problem der Methode. — d' Alemhert.
daß wir seine Merkmale einzeln aufzählen und durchgehen,
sondern dadurch, daß wir uns die Art vergegenwärtigen,
in der er aus einfacheren Vorstellungen entstanden ist. Was
die Philosophie zu leisten vermag und was sie bisher über
angeblich höheren, in Wahrheit aber widerspruchsvollen
Aufgaben versäumt hat, das ist die Aufstellung einer
genau gegliederten Tafel der letzten unerweislichen
Grundbegriffe, aus welcher sich die Art ihrer möglichen
Verknüpfung und Zusammensetzung sogleich übersichtlich
ergeben würde^).
Wie d'Alembert diese Grundanschauung in seiner
Entscheidung des Streites zwischen Cartesianern und
Leibnizianern über das wahre Kraftmaß bewährt hat, ist
bekannt. Dieser Streit wurzelt nach ihm in dem rationalisti-
schen Grundirrtum, den beide Gegner teilen: in der Über-
schätzung der Definition und ihrer objektiv realen Bedeutung.
Sobald einmal erkannt ist, daß all unsere Begriffe nichts
anderes als abgekürzte Bezeichnungen für bestimmte Er-
fahrungstatsachen sein können, ist die Frage von selbst ent-
schieden. Die Leibnizische wie die Cartesische Maßbestimmung
sind als Formeln unserer empirischen Erkenntnis gleich wert-
voll, wie sie als metaphysische Bestimmungen gleich nichtig
sind. Dieses Urteil indessen, das man von jeher als einen
Triumph der positivistischen Aufklärung rühmt, läßt dennoch
zugleich die Schranken von d'Alemberts Kritik deutlich
hervortreten. Der Streit um das Kraftmaß war, zum mindesten
auf Leibniz' Seite, keineswegs ein bloßer Wortstreit gewesen:
denn nicht darum handelte es sich hier, welchem willkürlich
bestimmten analytischen Ausdruck man den Namen der
Kraft beilegen sollte, sondern welche unter allen empirisch
bekannten Größen dem Postulat der Erhaltung
gerecht würde, das Leibniz als obersten Grundsatz der Physik
verkündet hatte. Dieses Postulat bezog sich, wie Leibniz
unzweideutig ausgesprochen hatte, nicht auf die Welt der
Monaden, sondern es wollte lediglich die Grundgesetzlichkeit,
1) Eclaircissements sur differens endroits des Elements de Philo-
sophie, § IL — (Melanges V, 19 u. V, 22 f.)
Der . Doppelcharakter von d'Alemberts Erfahrungslehre. 411
die unter den Phänomenen selbst herrscht und die erst ihre
mathematische Erkenntnis ermöglicht, zum Ausdruck bringen.
Faßt man diese Ansicht ins Auge, so gewahrt man sogleich
die Lücke in d'Alemberts Beweisführung. Die Tatsache,
daß dem allgemeinen Begriff der Einblick in die absoluten
Wesenheiten der Dinge versagt bleibt, führt hier unmittel-
bar dazu, auch die Funktion, die er innerhalb der
empirischen Erkenntnis selbst ausübt, herabzusetzen. Das
Verdikt, das zunächst nur Aussagen über ein Sein jenseits
der Erfahrung treffen sollte, erstreckt sich nunmehr auf die
rationalen Grundlagen der Erfahrungserkenntnis selbst. Das
Recht dieses Schrittes aber konnte nicht erwiesen werden,
und so verliert d'Alemberts positivistische Kritik an diesem
Punkte in der Tat ihre Scliärfe und Kraft. Solange die meta-
physischen und die wissenschaftlichen ,, Hypothesen" noch
auf einer Stufe standen, solange konnte die Metaphysik,
gegen die d'Alemberts Kampf sich wendet, noch ungeschwächt
ihre Macht behaupten: mußte doch die Analyse der Erfah-
rung selbst, sofern sie auf notwendige und allgemeine Er-
kenntnisgründe führte, zugleich ihre Behauptungen
zu stärken scheinen.
Daß hier im Begriff der Erfahrung, der bei d'Alembert
gleich sehr durch Locke wie durch Newton bestimmt
bleibt, eine Zweideutigkeit liegt, wird schließlich von
ihm selbst empfunden und hervorgehoben. Von der
,, Beobachtung'* im gewöhnlichen Sinne, die nur die zufällige
Auffassung eines gegebenen Objektes ist, scheidet auch er
das Verfahren der empirischen Wissenschaft, das sich nicht
mit passiv hingenommenen Wahrnehmungen begnügt, sondern
mit eigenen, vom Geiste selbst gestellten Fragen vor die
Natur hintritt^). Darin spricht sich freilich nur die alte
Baconische Forderung der „experientia litterata" aus; aber
sie wird jetzt in völlig neuem Sinne gestellt, da die M a t h e -
m a t i k nunmehr als eigentlicher Ausdruck jener Aktivität
des Geistes erkannt ist, in der auch der Wert und die Kraft
des naturwissenschaftlichen Experiments wurzelt.
0 Elements de Philosophie § XX (M^l. IV, 269 f.).
412 t)a8 Problem der Methode. — d^AlembeH.
D'Alemberts sensualistische Grundansicht^) erfährt in der
Entwicklung der algebraischen und geometrischen Prinzipien
eine wesentliche Einschränkung. Die Gewißheit der Algebra
beruht darauf, daß sie es lediglich mit rein intellek-
tuellen Begriffen und somit mit Ideen, die wir selbst
uns durch Abstraktion bilden, zu tun hat. Ihre Prinzipien
sind allem Zweifel und aller Dunkelheit enthoben, weil sie
unser eigenes Werk sind und nur das enthalten, was wir
in sie gelegt haben ^). Unter dem „abstrakten" Be-
griff wird jetzt also nicht mehr der unvollkommene Abdruck
bestimmter individueller Wahrnehmungsinhalte verstanden,
sondern das Ergebnis eines reinen Denkverfahrens, kraft
dessen wir neue und selbständige Inhalte erschaffen, die
über alle Daten der Empfindung hinausgehen. So wird ins-
besondere an den geometrischen Begriffen dargetan, daß
ihr Sinn sich niemals in irgendeiner einzelnen ,, Impression"
verkörpert, noch an ihr zu messen ist. So gewiß wir, um
zu ihnen zu gelangen, von sinnlichen Eindrücken den Anfang
machen müssen: so wenig vermögen diese allein ihren Gehalt
und ihre Bildung zu erklären. Denn jede geometrische Aus-
sage greift prinzipiell über alles, was der direkten psychologi-
schen Erfahrung gegeben ist, hinweg, sie bezieht sich nicht auf
irgendwelche einzelne Vorstellungsbilder, sondern
auf die intellektuellen Grenzen, die wir einer
in sich selbst unabgeschlossenen und unendlichen Reihe
solcher Bilder kraft einer Setzung des Begriffs hinzu-
^) „Toutes nos connoissances directes se reduisent ä Celles que
nous recevons par les sens; d'oü 11 s'ensuit que c'est ä nos sensations
que nous devons toutes nos id6es. Ce principe des premiers philosophes
a 6t6 ongtemps regard^ comme un axiome par les Scholastiques . . .
Aussi cette viritö fut-elle trait^e ä la renaissance de la Philosophie
comme les opinions absurdes, dont on auroit du la distinguer; on la
proscrivit avec ces opinions, parce que rien n'est si dangereux pour
le vrai et ne l'expose tant ä ^tre m^connu, que Talliage ou le voisinage
de l'erreur . . . Enfin depuis assez peu de temps on convient presque
g^n^ralement que les Anciens avoient raison; et ee n'est pas la seule
question sur laquelle nous commen^ons ä nous rapprocher d'eux.'*
Discours pr^liminaire (M^langes I, 13 f.).
2) Elements § XIV (M61. IV, 154 f.).
Der Qrenzhegriff. 413
fügen^). Man versteht es in diesem Zusammenhange, daß
d'Alembert zu einerRechtfertigungund Wertschätzung der, »Ab-
straktion*' gelangt, die den Anfängen seiner Erkenntnislehre
unmittelbar widerstreitet. Je „abstrakter" die Grundlagen
einer Wissenschaft sind, um so sicherer ist die Erkenntnis,
die sie verstattet; je mehr dagegen ihr Gegenstand sich dem
Sinnlichen nähert, um so ungewisser und dunkler wird das
Wissen von ihm^). Eine wichtige Anwendung der neuen
Grundanschauung, die er hier gewinnt, hat d'Alembert in
seiner kritischen Erörterung des Zeitbegriffs gemacht.
Hier zeigt es sich, daß die Bedeutung der Grenzbegriffe sich
nicht auf die Mathematik einschränken läßt, sondern daß
sie überall in unsere Erkenntnis der konkreten physischen
Wirklichkeit eingreift, die somit gleichalls ein ,, ideales"
Moment in sich schließt. Die Idee der Zeit gewinnen wir
sicherlich nur aus der Succession unserer Vorstellungen;
aber die Frage nach der Natur und dem Gehalt des
Begriffes ist mit dieser psychologischen Aufklärung nicht
erschöpft. Denn der Fluß unserer Vorstellungen zeigt
uns niemals jene exakte Gleichförmigkeit, die wir mit
dem Begriff der Zeit verbinden und kraft deren sie
uns zum Grundmaß für alle empirischen Veränderungen
wird. Ebensowenig aber kann man sich, zur Ableitung
des Begriffs der streng gleichförmigen Bewegung, ein-
fach auf die äußere Erfahrung berufen: denn wie ließe
sich irgend welche physikalische Erfahrung anstellen,
ohne daß wir ein festes und bestimmtes Zeitmaß bereits
zugrunde legten^)?
^) Elements § XV (S. 159): „Les v^rites que la Geometrie demontre
sur l'etendue sont des v^rit^s purement hypoth^tiques . . . Les pro-
positions de Geometrie . . . sont 1 a 1 i m i t e intellectuelle des v6rit6s
physiques, le terme dont celles-ci peuvent approcher aussi pres qu'on
le d6sire, sans jamais y arriver exactement. . . . Dans l'Univers il n'y
a point de cercle parfait, mais plus un cercle approchera de Tetre,
plus il approchera des proprietös rigoureuses du cercle parfait que la
G6om6trie demontre,"
2) Discours pr^liminaire (M61. I, 44 f.).
8) Elements de Philosophie § XVI (IV, 190 ff.); Eclaircissements
§ XVI (V, 270).
414 Das Problem der Methode. — d Alemhert.
Hatten daher d'Alemberts „Elemente der Philosophie"
jedweden „metaphysischen" Bestandteil aus der empirischen
Wissenschaft schlechthin verwiesen, so geben die Erläute-
rungen, die später diesem Werke hinzugefügt werden, der
positivistischen Grundanschauung eine veränderte Wendung.
„Die Metaphysik ist je nach dem Gesichtspunkt, unter dem
man sie betrachtet, die befriedigendste oder die nichtigste
aller menschlichen Erkenntnisse: die befriedigendste, solange
sie sich auf die Gegenstände beschränkt, die ihren Horizont
nicht übersteigen, solange sie sie mit Schärfe und Genauig-
keit analysiert und sich in ihrer Zergliederung nicht über
dasjenige, was sie an eben diesen Gegenständen klar erkennt,
forttreiben läßt; die nichtigste, wenn sie sich, zugleich ver-
messen und dunkel, in ein Gebiet versenkt, das ihren Blicken
entzogen ist, wenn sie über die Attribute Gottes, über die
Natur der Seele, über die. Freiheit und andere Fragen dieser
Art streitet, in denen die gesamte philosophische Vorzeit
sich verloren hat und in denen auch die moderne Philosophie
nicht hoffen darf, glücklicher zu sein .... Was wir an die
Stelle all jener nebelhaften Spekulation setzen müssen, ist
eine Metaphysik, die mehr für uns geschaffen ist und die sich
näher und unmittelbarer an der Erde hält: eine Metaphysik,
deren Anwendungen sich in die Naturwissenschaften und
vor allem in die Geometrie und in die verschiedenen Zweige
der Mathematik hinein erstrecken. Denn es gibt im strengen
Sinne keine Wissenschaft, die nicht ihre Metaphysik hätte,
wenn man darunter die allgemeinen Prinzipien versteht,
auf denen eine bestimmte Lehre sich aufbaut und die
gleichsam der Keim aller besonderen Wahrheiten sind."
So sehr man daher die Hypostasierung der mathe-
matischen Methodenbegriffe zu einer für sich bestehenden
unabhängigen Wirklichkeit verwerfen wird — so sehr
muß man andererseits die ebenso feine, als wahre Metaphysik
anerkennen, die bei der Entdeckung der Algebra, der analyti-
schen Geometrie und insbesondere der Infinitesimalrechnung
am Werke war; wie man nicht minder in der Zergliederung
der Grundbegriffe der allgemeinen Physik, in der ,,Meta-
physique de la Physique generale" eine notwendige und
Die Metaphysik der exakten Wissenschaft. 415
fruchtbare philosophische Aufgabe zu erkennen hat^). Diese
Arbeit an den Prinzipien der Mathematik und der empirischen
Wissenschaft bildet die echte und unentbehrliche Leistung
des esprit systematique, der von d'Alembert von dem ver-
pönten esprit de Systeme ausdrücklich geschieden wird^).
So hat d*Alemberts Denken eine doppelte Bewegung voll-
zogen, in der auf der einen Seite der Begriff der Erfah-
rung, auf der anderen der der Metaphysik einer
neuen Bedeutung entgegengeführt wird. Beide Begriffe
gehen nunmehr eine neue Beziehung ein und weisen wechsel-
seitig auf einander hin. So klar er indessen das Ziel bezeichnet
und so wirksam er es in seinen Untersuchungen über die Grund-
begriffe der Mechanik im Einzelnen gefördert hat: so mußte
ihm, dem die Philosophie zuletzt in die ,, Experimentalphysik
der Seele" aufgeht^), die allgemeine Lösung der Aufgabe
versagt bleiben. Und hierin spiegelt er nur die Denkart und
das Schicksal des Zeitalters wieder, dessen philosophischer
Wortführer er ist. Der Versuch, alles Denken in der Erfahrung
zu binden und an ihr festzuhalten, konnte nicht gelingen,
bevor nicht eine schärfere kritische Trennung die verschieden-
artigen logischen Bestandteile, die in den Begriff der Erfahrung
eingehen, gesondert und zu klarem Bewußtsein erhoben hatte.
2. Vernunft und Sprache.
Das allgemeine Problem der Methode, das seit den An-
fängen der neueren Philosophie im Mittelpunkt der Betrach-
tung steht, erhält im achtzehnten Jahrhundert eine neue und
wichtige Wendung, indem es sich mit dem Problem
der Sprache verbindet. Bei Descartes bereits wird
der Plan der philosophischen „Universalsprache" erwogen,
der dann bei Leibniz feste Gestalt und entscheidende Be-
deutung gewinnt. Fortan sind es nicht bloß die psychologischen
Anfänge und Motive der Sprachbildung, die man zu erforschen
^) Eclaircissements § XV: Sur l'usage et sur Tabus de la M6ta-
physique en G6om6trie et en g6n6ral dans les Sciences Math^matiques.
(Md. V, 253 ff.)
^) Discours pr^liminaire (Md. I, 36).
^) Discours prdiminaire (Md. I, 141 f.).
416 Vernunß und Sprache.
sucht, sondern die Sprache gilt als ein unentbehrliches logisches
Instrument, von dessen Schätzung der Wert oder Unwert
des Denkens selbst abhängig ist. Keines der großen philo-
sophischen Systeme vermag sich dieser Fragestellung zu
entziehen. Für Hobbes wird das Wort zum Träger und
zur Substanz der „vernünftigen*' Schlußfolgerung überhaupt;
Locke widmet ihm fast ein Viertel seines Gesamtwerkes,,
und noch bei Berkeley wird das Problem des „Zeichens"
zu einem Motiv der fortschreitenden inneren Umgestaltung
seiner Lehre. Die moderne Physik schien sodann die all-
gemeine Bedeutung der Frage von neuem ans Licht zu stellen.
Denn indem sie sich die Aufgabe stellte, die Phänomene ledig-
lich zu ,, beschreiben", statt ihre letzten substantiellen
Ursachen zu ermitteln, mußte damit alles Interesse auf
die Mittel, deren diese Beschreibung sich bedient, also
auf die allgemeinen Symbole der Mathematik sich
richten. In diesen Symbolen erst gewinnen die Erschei-
nungen ihren festen Gehalt und ihre exakte Bestimmung,
indem sie in ein System von Größen und Zahlen eingefügt
werden. Was die Wissenschaft über die vage sinnliche Emp-
findung hinaus enthält und was sie allein geben kann: das
scheint also lediglich in dieser allgemeingültigen numerischen
Bezeichnung zu liegen. In dieser Formulierung des
Problems liegt freilich, sachlich betrachtet, von Anfang an
eine Zweideutigkeit. Je nachdem man in der Sprache einen
transzendenten Seinszusammenhang oder lediglich eine Be-
ziehung zwischen den Ideen selbst symbolisiert denkt, ergeben
sich zwei verschiedene Grundauffassungen der Erkenntnis.
Der Kampf dieser Auffassungen ließ sich insbesondere bei
Berkeley verfolgen, bei dem er zuletzt zu einer völligen
Sprengung der anfänglichen Systemform führt. Die Philo-
sophie des achtzehnten Jahrhunderts zeigt sodann die Fort-
setzung dieses Kampfes: neben der religiös-symbolischen
Ausdeutung der Sprache, die sich vor allem bei Hamann
ausprägt, stehen Versuche, aus der Mannigfaltigkeit der Sprach-
formen einen allgemeingültigen Kern rein logischer
Relationen herauszuschälen. Und auch hierin läßt sich
wieder eine zwiefache Richtung der Betrachtung unterscheiden:
Begriff und Zeichen. 417
denn Sensualismus und Intellektualismus treffen noch einmal am
Problem der Sprache zusammen und suchen sich hier wechsel-
seitig den Rang streitig zu machen.
Selbst bei einem Denker, wie C o n d i 1 1 a c , der seiner
ganzen Gedankenrichtung nach völlig der sensualistischen
Ansicht anzugehören scheint, läßt sich die Wirksamkeit
beider Motive verfolgen. Die Ideen, die Locke 4er bloßen
,, Sensation" entzogen und einer eigenen Tätigkeit der
Reflexion zugewiesen hatte, bilden nach Condillac freilich
eine selbständige und unterschiedene Klasse von Inhalten:
aber um diese Inhalte zu verstehen, brauchen wir nicht auf
ein besonderes ,, rationales" Vermögen des Geistes, sondern
lediglich auf seine Fähigkeit der Zeichen- und Namengebung
zurückzugehen. Wer das Verhältnis von Begriff und Wort
durchschaut hat, der hat damit die Einsicht in die
Grundlage aller Erkenntnis gewonnen. Denn die Wissen-
schaften sind in ihrer Gesamtheit nichts anderes als geregelte
und gegliederte Sprachen. ,, Wirklich" im eigentlichen Sinne
ist nur das, was sich uns in einer einzelnen Empfindung dar-
bietet; aber wir könnten diese gesamte sinnliche Mannig-
faltigkeit nicht überblicken und im Gedächtnis bewahren,
wenn wir nicht bestimmte Gruppen zusammenfaßten und
mit festen, wenngleich willkürlichen, Orientierungsmarken
versähen. So erschaffen wir in der Erkenntnis ein System
von Gattungsnamen höherer und niederer Ordnung, in das
wir — freilich vergebens — die Gesamtheit des Seins und
den Inbegriff der individuellen Dinge zu fassen versuchen.
Man begreift hieraus, daß es sich in dem wahrhaft exakten
Wissen nicht darum handeln kann, zu immer reineren und
von der Wahrnehmung immer entfernteren Abstraktionen
aufzusteigen, sondern daß die Aufgabe allein darin besteht,
primitive und ungenügende Bezeichnungsweisen durch schärfere
und feinere zu ersetzen. So enthält die gesamte Algebra
nicht eine einzige gedankliche Operation, die nicht schon
im Rechnen mit den Fingern gebraucht würde. Was sie
vor diesem elementaren Verfahren voraus hat, ist lediglich
der technische Vorzug, daß die Zeichen in ihr einerseits außer-
ordentlich vermehrt, andererseits aber derart geordnet
27
418 Lambert und Sulzer.
sind, daß sie bequemer zu liandhaben und zu übersehen sind.
Und wie die populäre Rechenkunst zur wissenschaftlichen
Algebra, so verhält diese letztere sich wiederum zur Meta-
physik. Die Metaphysik ist die ,, Grammatik der Algebra" :
denn sie ist es, die die Regeln, die dort unbewußt geübt werden,
in ihrer allgemeinen Gültigkeit zu begreifen und zu erweisen
hat. Die Methode der Analyse, die uns in der Mathematik
nur in einer vereinzelten Anwendung entgegentritt, kommt
erst in ihr zu universeller Geltung. Indem sie das Netzwerk
von Benennungen, in das wir die einfachen Daten der Wahr-
nehmung fassen, in seine einzelnen Fäden auseinander legt,
macht sie damit zugleich die Art kenntlich, in der die kom-
plexen Inhalte sich aus den sinnlichen Einzelbestandteilen,
als ihren wahrhaften Komponenten, zusammensetzen^).
Der Gedanke, den Condillac hier verfolgt, wird in Deutsch-
land gleichzeitig von Ploucquet und Lambert auf-
genommen, von beiden indessen ohne die dogmatische Be-
schränkung auf eine bestimmte erkenntnistheoretische Richtung
durchzuführen gesucht. Während Ploucquet sich vor allem
der Fortbildung und Vervollkommnung des logischen Kalküls
zuwendet^), schreitet Lambert zu dem weiteren Plan einer
allgemeinen ,,Semiotik" fort. In einer wissenschaftlich voll-
kommenen Sprache wären alle einfachen Begriffe durch
bestimmte ,, Wurzel Wörter" zu benennen, deren Zusammen-
setzungen und Abwandlungen weiterhin ihre Modifikationen
und mannigfachen Verhältnisse kenntlich zu machen hätten.
Das Grammatische wäre in ihr daher zugleich ,, charakte-
ristisch", sofern es den Ausdruck für eine logische Ab-
hängigkeit zwischen den Begriffen und Begriffsgegen-
ständen selbst enthielte. Die Theorie der Sachen wäre hier
auf die der Zeichen reduziert und somit das dunkle Bewußt-
sein der Begriffe durch eine anschauende Erkenntnis, mit
der Empfindung und klaren Vorstellung der Zeichen, er-
^) C o n d i 1 1 a c , La langue des calculs (Oeüvr., Paris 1798,
Vol. XXIII), S. 10 ff., 210 ff., 228 u. s.
2) Vgl. Ploucquet, Principia de Substantiis et Phaenomenis.
Accedit Methodus calculandi in Logicis ab ipso inventa, cui praemittitur
Commentatio de Arte Characteristica. Francof. et Lips. 1764.
Die Semiotik. 419
setzt^) . Die philosophische Literatur der deutschen Aufklärungs-
zeit wendet sich mit Vorliebe der Erörterung dieses Themas zu.
In die Popularphilosophie findet der Gedanke besonders
durch S u 1 z e r Eingang, der in den Schriften der Berliner
Akademie wiederholt auf den gegenseitigen Einfluß der
Vernunft in die Sprache und der Sprache in die Vernunft
zurückkommt. Es ist auch hier wieder das große Beispiel
der Differentialrechnung, das vornehmlich als Beleg dient.
,, Verschiedene große Meßkünstler, welche vor der Entdeckung
der Infinitesimalrechnung gearbeitet haben, besaßen beinahe
eben die Kenntnisse, welche, in Verbindung mit der An-
wendung dieser Rechnung, so große Entdeckungen in der
Mathematik veranlaßt haben. Es fehlte ihnen nur an Zeichen,
und an dem Algorithmus der Rechnung, oder an der-
jenigen Art von Sprache, wodurch sie die Ideen, die sie gehabt
hatten, deutlich hätten ausdrücken können. Da sie es nicht
versucht hatten, oder da es ihnen vielleicht nicht gelungen
war, eine schickliche Methode zur Bezeichnung ihrer Ideen
ausfindig zu machen, so sind ihnen tausend sehr wichtige
Wahrheiten entwischt." Je mehr man über diese Wirkung
der Sprache nachdenkt, desto mehr sieht man, daß die Rede
in Bezug auf die Vernunft und die Kenntnisse überhaupt
eben das ist, was die Analyse in Bezug auf die Mathematik
ist. Die volle logische E.videnz der Mathematik ließe sich daher
auch in den philosophischen Wissenschaften durchführen,
w^enn es gelänge, in ihnen zu einer gleich scharfen Bezeich-
nung und Veranschaulichung der Grundideen vorzudringen.
Schon im Hinblick auf dieses Ziel gilt der Wert der all-
gemeinen Ontologie als erwiesen. ,, Manche Philosophen,
welche die äußerste Verachtung gegen die Ontologie äußern,
wissen nicht, wie viel sie dieser Wissenschaft ihres bloßen
Namensverzeichnisses (Nomenclatur) wegen zu danken haben.
Eine Wissenschaft kann niemals zu viel Kunstwörter haben,
wenn nur ein jedes Wort einen wirklichen Begriff ausdrückt.
Die Wörter wie? warum? wann? wodurch? wo-
^) Lambert, Neues Organen, 2. B., Lpz. 1764, Semiotik
§ 112, 309 u. s.; Näheres bei O. B a e n s c h , Job. H. Lamberts Philo-
sophie und seine SteUung zu Kant, Tüb. u. Lpz. 1902, S. 33 ff.
27*
420 Sulzer.
ZU? Verhältnis, Wesen, Zufälligkeit, ver-
anlassen öfters Untersuchungen, die man nicht angestellt
hätte, wenn uns das Gedächtnis nicht diese Wörter hergegeben,
und wenn uns diese Wörter nicht an die Ideen, welche sie
ausdrücken, erinnert hätten." Man sieht, wie hier der Plan
einer allgemeinen Grammatik mit dem Plan einer allgemeinen
Kategorienlehre verschmilzt. „Sehr wichtige und
in den Schriften von erfinderischen Köpfen deutlich aus-
einandergesetzte Kenntnisse bleiben zuweilen halbe Jahr-
hunderte hindurch verborgen oder rätselhaft, bis ein anderer
guter Kopf kommt, und die dazu gehörige Sprache bildet
und festsetzt. Dann wird das, was gleichsam in den Schächten
vergraben gelegen hatte, zu Tage gebracht und zu jedermanns
Gebrauche zugerichtet. Dies ist der Dienst, den der berühmte
Wolf den von L e i b n i z gesehenen und vorgetragenen
Wahrheiten geleistet hat."
In der näheren Ausführung lenkt Sulzer allerdings wieder
zu den rein psychologischen Problemen der Sprachentstehung
zurück, von denen er auch über die objektive Erkenntnis
wesentliche Aufschlüsse erwartet. Die etymologische Ge-
schichte der Sprachen wäre unstreitig die beste Geschichte
des Fortgangs des menschlichen Geistes, und nichts wäre
für einen Philosophen schätzbarer, als sie. Die eigenen Ver-
suche, die Sulzer in diesem Gebiet unternimmt, sind freilich
naiv genügt). Aber die Richtung, die er in diesen Unter-
suchungen bezeichnet, hat sich dennoch historisch fruchtbar
und weiterwirkend erwiesen. Denn die Frage nach dem
Ursprung der Sprache, die im Kreise der Berliner Akademie
auf Maupertuis', Süßmilchs und S u 1 z e r s An-
regungen hin, eifrig erörtert wird, gibt zu der Preisaufgabe
des Jahres 1771 Anlaß, in welcher Herders Abhandlung
den Preis erhält 2). Das Problem ist damit einer allgemeineren
1) Zum Ganzen vgl. Sulzers Anmerkungen über den gegenseitigen
Einfluß der Vernunft in die Sprache und der Sprache in die Vernunft
(zuerst in den Schriften der Berliner Akademie 1767), Vermischte
philosophische Schriften, Lpz. 1773, S. 166 ff.
*) Näheres hierüber in Harnacks Akademiegeschichte, Berlin
1900, I, 413 f.
Der Ursprung der Sprache. 421
und tieferen Betrachtungsweise zugeführt, in welcher eine
neue Methodik der Geisteswissenschaften gewonnen wird.
Der Begriff des Symbols greift über den engeren Problem-
kreis, in dem er zunächst entstanden war, hinaus und be-
ginnt jene universelle Bedeutung anzunehmen, die er für
die klassische deutsche Litteratur und Philosophie besitzt.
In einer anderen Richtung aber wird der Gedanke innerhalb
der Naturwissenschaft selbst, im Ausbau einer ihrer modernen
Grunddisziplinen, weitergeführt^). Um diesen Forlschritt zu
verstehen, müssen wir uns jedoch nochmals zu der Entwick-
lung zurückwenden, die die naturwissenschaftliche Prinzipien-
lehre im achtzehnten Jahrhundert erfährt.
3. Der Begriff der Kraft.
Die Newtonische Grundansicht, daß unser physikalisches
Wissen sich lediglich auf die Verhältnisse der Phänomene,
nicht auf ihre unbekannten ,, Ursachen" erstreckt, findet
ihren deutlichen Ausdruck in der Gestaltung, die der Be-
griff der Kraft in der allgemeinen wissenschaftlichen
Literatur der Epoche erhält. In der Tat bildet das Attrak-
tionsproblem den eigentlichen Mittelpunkt und das konkrete
Musterbeispiel, an dem fortan jede allgemeine Erörterung
des Kausalproblems einsetzt. Wenn Newton, bei
aller Zurückhaltung, die er sich auferlegte, mit der Frage
nach der ,, Erklärung" der Schwerkraft innerlich noch dauernd
gerungen hatte^), so ist bei seinen philosophischen Erklärern
und Nachfolgern die Schwierigkeit bereits kurzerhand be-
seitigt. Daß die Wirkung in die Ferne , »unbegreiflich" ist,
ist freilich wahr: aber dieser Mangel fällt nicht dem speziellen
ursächlichen Verhältnis, das hier behauptet wird, zur Last,
sondern er haftet an dem allgemeinen Begriff der ursächlichen
Verknüpfung überhaupt. Der Zusammenhang von LTrsache
und Wirkung ist in keinem Falle logisch zu verstehen,
sondern stets nur durch die Erfahrung zu erlernen; ist dies
^) S. hierüber unten: Abschnitt 4 dieses Kapitels.
2) Näheres hierüber bei Rosenberger, Isaac Newton und
seine physikalischen Prinzipien, Lpz. 1895, S. 407 ff.
422 Maupertuis.
aber einmal eingesehen, so bietet uns die Fernkraft kein
größeres Rätsel dar, als es auch in der angeblich unmittelbar
gewissen und „verständlichen" Mitteilung der Bewegung
durch Berührung und Stoß enthalten ist^). Wo immer wir
daher von ,, Kräften" der Materie sprechen, da dürfen wir
uns nicht anmaßen, damit den wahrhaften inneren Grund
des Geschehens aufdecken zu wollen, sondern dürfen diesen
Begriff nur als eine kurze Bezeichnung für wahrnehmbare
und meßbare empirische Verhältnisse brauchen. Die Gravita-
tion, wie die Elektrizität oder der Magnetismus spielen in
unserer Fassung der Naturgesetze keine andere Rolle, als
die Unbekannten einer algebraischen Gleichung: ihr
ganzer Sinn und ihre alleinige Bedeutung besteht in der
Relation, die sie aussagen und in der mathematischen
Proportion, die sie zum Ausdruck bringen. Diese treffende
und glückliche Formulierung, die sich in K e i 1 1 s ,, Ein-
führung in die wahre Physik" vom Jahre 1702 findet 2), ist
besonders charakteristisch dafür, wie sehr Humes Kampi
gegen den populären Kraftbegriff, sofern er zugleich die
Anschauungen der exakten Wissenschaft treffen wollte,
verspätet kam und nur noch einen Anachronismus be-
deutete. Selbst die Naturphilosophie der Zeit, die auf
eine dynamische Konstruktion der Materie ausgeht, hält
sich hierbei doch streng innerhalb der allgemeinen An-
schauung: unter der Kraft zweier Körper haben wir, wie
Boscovich erklärt, nichts anderes als die numerische
Bestimmung zu verstehen, die das Größenverhältnis
der Beschleunigung regelt, welche sie sich wechselweise
erteilen^) .
1) d'Alembert, Elements de Philosophie, § XVII (IV, 241);
§ XIX (IV, 258 f.); C o n d i 1 1 a c , L'Art de raisonner (Oeuvres de
Condillac, Paris 1798, T. VIII, 103) u. ö.
2) „Eodem sane jure quo in aequatione Algebraica incognitas
quantitates literis x vel y designamus et methodo haud multum dissi-
mili harum qualitatum intensiones et remissiones quae ex positis qui-
buscunque conditionibus sequuntur, investigari possunt." (K e i 1 1 ,
Introductio ad veram Physicam, Sect. I.)
3) S. Bo s c o V i c h , Theoria philosophiae naturalis, 2. Ausg.,
Venetiis 1763 (zuerst: Wien 1758), § 9.
Der Ursprung der mathemcUischen Gewißheit. 423
. ^
Die erste Rezeption und Weiterführung der Hume-
schen Gedanken findet sich unter den Mathematikern bei
Maupertuis, der zugleich —^ da seine Schriften in den
Abhandlungen der Berliner Akademie erscheinen — das
Humesche Problem zuerst in den Gesichtskreis der deutschen
Philosophie rückt. Der Einfluß Humes bekundet sich hier
vor allem darin, daß — im Gegensatz zu d'Alembert
— nunmehr auch die Sätze der reinen Mathematik
in den Kreis der empirischen Ableitung hineingezogen
werden. Der Satz, daß die mathematischen Gebilde Er-
zeugnisse des Geistes selbst sind, wird von Mau-
pertuis ausdrücklich bekämpft: der Geist vermag kein
neues Objekt zu schaffen, sondern nur die Impressionen,
die er von den Sinnen empfängt, zu verknüpfen i;nd zu
trennen. Der eigentümliche logische Vorzug, den wir
den Begriffen der Mathematik zuzusprechen pflegen, wurzelt
daher gleichfalls einzig in der Materie der Eindrücke,
auf die sie zurückgehen: er beruht darauf, daß in ihnen
durchaus gleichartige Sensationen zusammengefaßt
sind und daß somit jedes Ganze, das uns hier ent-
gegentritt, aus der einfachen Wiederholung einer
Grundeinheit hervorgeht und durch sie genau meßbar ist.
Wenn wir der Ausdehnung eine andere Art der Gewißheit
und eine höhere Form des „Seins'* zuschreiben, als der Farbe
oder irgendeiner sonstigen sekundären Qualität, so hat
diese Unterscheidung keinerlei reale Bedeutung. Sie ist
vielmehr lediglich der Ausdruck dafür, daß die Ausdehnung
unserer Erkenntnis einen bequemeren Angriffspunkt
darbietet, sofern sich jeder ihrer Teile aus der gleichmäßigen
Addition einer Strecke, die wir zugrunde legen, gewinnen
läßt; während in keinem anderen Gebiet eine gleich leichte
und sinnfällige Vergleichung der verschiedenen Gebilde
erreichbar ist. Der Grund der Sicherheit der Mathe-
matik ist lediglich diese ,, Wiederholbarkeit" (replica-
bilite) der sinnlichen Ideen, von welchen sie ausgeht. Ihre
Gewißheit ist nicht darin begründet, daß ihre Begriffe von
höherem als empirischen Ursprung sind, sondern darin, daß
sie die Ergebnisse einer früheren und ,, einfacheren** Erfahrung
424 Maupertuis.
sind^). Der gleiche Schluß gilt in noch höherem Maße für die
Prinzipien der Mechanik, die sämtlich nicht mehr als
verallgemeinerte Beobachtungen sind, wenngleich die lange
Vertrautheit, die wir mit diesen Beobachtungen besitzen,
uns immer von neuem eine innere logische Notwendigkeit
an ihnen vortäuscht^). Daß jede angeblich rationale
Einsicht in die Gesetze über die Mitteilung der Bewegung
nur Schein ist, vermag die einfachste psychologische Reflexion
zu lehren. Denken wir uns jemand, der niemals irgendeine
Berührungswahrnehmung gehabt hätte, der dagegen aus
einer Anzahl von Beobachtungen die Kenntnis von den
Gesetzen der Farbenmischung gewonnen hätte, und stellen
wir ihm die Frage, was bei der immer größeren Annäherung
und schließlichen Begegnung zweier Körper, von denen der
eine blau, der andere gelb ist, geschehen werde? Er wird
voraussichtlich antworten, daß aus den beiden Körpern,
sobald sie zusammentreffen, ein neuer Körper mit der Misch-
farbe Grün hervorgehen werde: niemals aber könnte er dazu
gelangen, vorauszus-agen, daß beide sich nach der Begegnung
mit einer gemeinsamen Geschwindigkeit weiter bewegen
werden, oder daß der eine einen Teil seiner Geschwindigkeit
an den anderen abgeben oder von ihm zurückprallen werde^).
Erst di-e Eindrücke und Erfahrungen des Tastsinns sind es,
die uns den Begriff der ,, Undurchdringlichkeit" vermitteln
und uns damit in den Stand setzen, die Gesetze des
Stoßes aufzustellen, ohne daß wir doch in das innere Ge-
schehen, das ihm zugrunde liegt, den geringsten Einblick
besäßen. Der Begriff der Kraft ist daher nur ein Deck-
^) M a u p e r t u i s , Examen phüosophique de la preuve de
l'existence de Dieu etc. Premiere partie: Sur l'6vidence et la certitude
Mathematique (Histoire de l'Academie Royale des Sciences et Beiles
Lettres 1756), bes. § XI ff.
2) M a u p e r t u i s , a. a. O., II. partie, § XXIX u. XXXV.
3) Maupertuis, Essai de Cosmologie (Oeuvres de Mauper-
tuis, nouvelle 6dit. corrigee et augmentee, Lyon 1756), Vol. I, S. 31 f.
(Die betreffende Stelle findet sich bereits 1746 in den Schriften der
Berliner Akademie; sie beweist daher, daß Maupertuis' Kenntnis von
H u m e s Lehre nicht auf dem „Enquiry'' beruht, der erst i. J. 1748
in London erschien, sondern auf dem ,,Treatise" v. J. 1739/40.)
Ursachenbegriff und Zweckbegriff. 425
mantel unserer Unwissenheit. „Es gibt in der gesamten
modernen Philosophie kein Wort, das häufiger wiederholt
worden ist, als dies, und keines, mit dem man einen so wenig
bestimmten Sinn verbunden hat." Die Vorstellung der
Kraft wurzelt lediglich in der Anstrengung, die wir bei
der Überwindung von Widerständen verspüren; sie ist
somit in ihrem Ursprung nichts anderes, als eine verworrene
Empfindung, von der wir schon zu viel sagen, wenn wir ihr
auch nur den Namen einer ,,Idee" zugestehen. Wir mögen
immerhin, da wir uns von dem Gedanken einer wechsel-
seitigen Beeinflussung der Körper nicht ganz frei machen
können, fortfahren, das Wort ,, Kraft" zu gebrauchen:
aber wir müssen uns beständig erinnern, daß wir damit nichts
anderes, als bestimmte erscheineade Wirkungen bezeichnen
und bezeichnen können^). Selbst Newton ist, bei all seiner
kritischen Vorsicht, dieser Vorschrift nicht dauernd treu
geblieben: denn ijidem er in seinem zweiten Gesetz ausspricht,
daß die Änderung der Bewegung eines Körpers der auf ihn
einwirkenden Kraft proportional sei, hat er damit einen
leeren identischen Satz, der nur unsere Definition des
Kraftbegriffs feststellt, zum Range eines Naturgesetzes er-
hoben. Der Begriff der ,, Ursache der Beschleunigung" muß
aus der Mechanik schwinden; an seine Stelle haben lediglich
die Maßbestimmungen der Beschleunigung zu treten^).
So radikal indessen diese Sätze klingen und so sehr sie
die letzten Konsequenzen zu ziehen scheinen, so dienen sie
doch bei Maupertuis selbst einer unverhohlen metaphysischen
Grundabsicht. Daß wir den Zusammenhang der Ursachen
nicht zu durchschauen vermögen: dies wird nur darum ein-
geschärft, damit wir die Natur als einen Zusammenhang
der Zwecke erkennen und beurteilen lernen. Die echte
Philosophie hat den Mittelweg zu gehen zwischen denen,
die allenthalben Ursachen sehen und denen, die, wie Hume,
jegliche Kausalität leugnen: — ,,denn es hieße der Vor-
sehung weigern, was ihr gebührt, wenn man die Ursachen
') Essai de Cosmologie, a. a. O. I, 28 ff.
-) Maupertuis, Examen philosophique etc., II. partie,
§ XXIII u. XXXVI.
426 Maupertuis.
leugnete, und es hieße wiederum uns etwas anmaßen, was
uns nicht zukommt, wenn wir uns stets fähig glaubten, sie
zu erkennen^)." Der Grundplan der göttlichen Verfassung
des Universums ist uns durch die Prinzipien der Mechanik
selbst verbürgt. Die ,, Zufälligkeit" der Naturgesetze, die
uns ihr rein logisches Verständnis verwehrte, erschließt uns
zugleich eine wichtige positive Einsicht, sofern sie uns ihren
teleologischen Charakter und Ursprung enthüllt. Das
Prinzip der kleinsten Wirkung muß als oberster Grundsatz
der Mechanik proklamiert werden, weil in ihm diese Beziehung
und diese Bedingtheit am deutlichsten zutage tritt: die Be-
wegungsgesetze, denen die Herleitung aus Begriffen des
Denkens versagt war, werden jetzt aus den Attributen der
höchsten, verstandesbegabten Ursache deduziert^). So ist
bei aller Relativierung unseres Erfahrungswissens der Gedanke
des Absoluten noch in voller Kraft geblieben und be-
herrscht, wie bisher, das Gesamtsystem der Erkenntnis.
Und die Schranke, auf die wir hier stoßen, ist wiederum
nicht der Problemstellung eines einzelnen Denkers eigen-
tümlich, sondern sie bezeichnet scharf die allgemeine Grenze,
über die die wissenschaftliche Gesamtanschauung der Epoche
nirgends hinausgeht. Nicht die Existenz, sondern
lediglich die Erkennbarkeit der absoluten Ursachen
ist es, die bestritten wird. So ist es ein unbekannter und un-
erforschlicher Grund, auf dem zuletzt all unser Wissen ruht.
Der Gedanke, daß jenseits aller unserer empirisch-phäno-
1) Examen philosophique, II. partie, § XXIV: „Tandis qu'on
abuse ainsi des mots de causes et d'effets et qu'on les place partout,
quelques autres philosophes nient toute causalite : les arguments dont
se sert pour cela un des plus grands hommes de FAngleterre (Mr. Hume)
sont assurement des plus ing^nieux et des plus subtils: cependant il
me semble qu'entre trouver des causes partout et n'en trouver nulle
part 11 est un juste milieu oü se trouve le vrai: si c'est refuser ä la
Providence ce qui lui appartient que de nier les causes, c'est nous
arroger ce qui ne nous appartient pas que de nous toujours croire
capables de les connoitre."
2) Essai de Cosmologie: II. Partie, oü Ton ddduit les loix du
mouvement des attributs de la supr^me Intelligence. (Oeüvr. de Mau-
pertuis I, 26 ff.)
Absolute und phaenomenale Erkenntnis. 427
menalen Erkenntnis eine Welt unerkennbarer ,, Dinge an
sich" sich verbirgt: dieser Gedanke, den man so häufig als
die Substanz der Kantischen Lehre angesehen hat, ist in
Wahrheit nichts anderes, als die herrschende Überzeugung
der gesamten Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts.
Man kann kaum ein naturwissenschaftliches oder erkenntnis-
theoretisches Werk der Zeit aufschlagen, ohne ihm allent-
halben zu begegnen^). Kant hat diese Anschauung nicht
„erfunden", sondern sie aufgenommen, um sie zu vertiefen
^) Ich greife aus den vielfältigen Beispielen nur einige besonders
charakteristische heraus : Lettres de Maupertuis, L. IV,
Oeüvr. II, 202: ,,Voilä oü nous en sommes: nous vivons dans un
Monde oü rien de ce que nous appercevons ne ressemble ä ce que nous
appercevons. Des ötres inconnus excitent dans notre äme tous les
sentiments, toutes les perceptions qu'elle eprouve; et sans ressembler
ä aucune des choses que nous appercevons, nous les repr6sentent toutes/'
Vgl. ferner C o n d i 1 1 a c , L'Art de raisonner (Oeuvres, Paris 1798,
VIII, 75 f.): „II faut donc vous souvenir que je ne parlerai que des
propri6t6s relatives toutes les fois que je dirai qu'une chose est Evidente
de fait. Mais il faut vous souvenir aussi que ces proprietes relatives
prouvent des proprietes absolues, comme Teffet prouve sa cause.
L'^vidence de fait suppose donc ces proprietes, bien loin de les exclure,
et si eile n'en fait pas son objet, c'est qu'il nous est impossible de les
connoitre'' (cf. Condillac, La Logique Chap. V. u. d'A 1 e m b e r t ,
Clements de Philosophie, § XIX (M^langes IV, 258 f.). —
Aus dem Kreise der exakten und empirsichen Forschung kommen
hier, neben den unmittelbaren Schülern und Anhängern Newtons, vor
allem B o n n e t und Kaestner in Betracht: „Nous ne con-
noissons donc point TEssence reelle des Choses. Nous n'appercevons
que les Effets et point du tout les Agents. Ce que nous nommons
l'Essence du Sujet n'est donc que son Essence nominale. Elle est le
resultat de l'Essence reelle, Pexpression des Rapports n^cessaires, sous
lesquels le Sujet se montre ä nous. Nous ne pouvons donc affirmer
que le Sujet soit r^ellement ce qu'il nous paroft etre. Mais nous pou-
vons affirmer que ce qu'il nous parolt etre r^sulte de ce qui est reelle-
ment et de ce que nous sommes par rapport ä lui." (B o n n e t , Essai
analytique sur les facultas de l'äme, Kopenhagen 1760, Chap. XV,
§ 242.) — „Unsere ganze Kenntnis der Natur ist doch nichts weiter,
als eine Kenntnis von Erscheinungen, die uns ganz was anderes dar-
stellen würden, wenn wir das Wirkliche in ihnen sähen" (Kaestner,
Anfangsgründe der höheren Mechanik, Göttingen 1766, III. Teil,
No. 196). Über die Entwicklung des „Phaenomenalismus" innerhalb
der deutschen Philosophie und Psychologie s. auch S. 485 ff.
428 Das Problem der Materie. — Die Chemie.
und ihr einen neuen Sinn abzugewinnen. Daß indessen von
diesem Standpunkt aus auch die Erfahrung ihrem
Wesen nach zuletzt unverständlich bleibt, ist klar ersichtlich:
erfassen wir doch an ihr .immer nur die eine, dem den-
kenden Subjekt zugekehrte, Seite, während ihr Ursprung
in den absoluten Dingen uns entgeht. Die eifrigsten Partei-
gänger des ,, Empirismus" empfinden diesen Mangel und
sprechen ihn in aller Schärfe aus. ,,Die eingeborenen Ideen
sind eine Chimäre, die durch die Erfahrung widerlegt wird;
die Art aber, in der wir zu unseren Sensationen und von
ihnen zu Vorstellungen der Reflexion gelangen, ist, wenn-
gleich sie durch dieselbe Erfahrung bewiesen wird, darum
doch nicht minder unbegreiflich. Über all diese
Dinge hat der höchste Verstand für unseren schw^achen Blick
einen Schleier gebreitet, den wir vergeblich weg uziehen
streben. Ein trauriges Los für unsere Wißbegierde und Eigen-
liebe; — aber es ist das Los der Menschheit^)." Und diese
Grundstimmung behält schließlich auch gegenüber den reinen
wissenschaftlichen Prinzipien das letzte Wort: was Raum
und Zeit, Materie und Bewegung, Kraft und Geschwindigkeit
ihrem eigentlichen inneren Wesen nach sind, vermögen
wir nicht zu durchschauen^). In dieser Skepsis verrät sich
das Scheitern aller Versuche, das Wissen allein auf dem
sicheren Grunde der ,, Tatsachen" zu errichten. Je mehr
der Einfluß der „metaphysischen" Begriffe innerhalb
der empirischen Wissenschaft beschränkt wurde, um so mehr
drängen sie sich gleichsam im Hintergrunde der P>fahrung
zusammen und bilden eine feste und unübersteigliche Schranke
des Erkennens.
4. Das Problem der Materie. — Die Chemie.
Die Umbildung, die der Kraftbegriff im wissenschaft-
lichen Bewußtsein des achtzehnten Jahrhunderts erfährt,
findet ihre Ergänzung und ihr genaues Analogon in der
^) d'A 1 e m b e r t , Elements de Philosophie, § VI (IV, 63).
2) „Etendue, matiere, corps, espace, temps, force, mouvement,
vitesse sont autant de choses, dont la natura nous est tout ä fait cachee."
G o n d i 1 1 a c , L'Art de raisonner, Oeuvres VIII, S. 88. —
QvarUüative und qucUitcUive Naturauf faaaung. 429
Umgestaltung des Begriffs der Materie. Lange schien
es, als habe sich dieser Begriff der wissenschaftlichen
,, Revolution der Denkart'', die mit Descartes und Galilei
einsetzt, allein entzogen. Denn die Chemie schien, trotz
aller Fortschritte der Einzelerkenntnisse, in ihrer all-
gemeinen Grundform bei der Naturanschauung des Mittel-
alters stehen geblieben zu sein. Auch der Übergang von der
Alchemie zur latrochemie, wie er sich, insbesondere bei
Paracelsus vollzieht, hatte diese Form nicht prinzipiell
verändert. Noch immer war es der qualitative Ge-
sichtspunkt, der die Darstellung und Erklärung der Tat-
sachen allein beherrschte. In der Alchemie ist es dieser Ge-
sichtspunkt, der den gesamten konstruktiven Aufbau be-
stimmt: die einzelnen Metalle müssen in einander überführbar
sein, weil sie sämtlich in gewissen Grundeigenschaften über-
einstimmen und daher an bestimmten qualitativen „Naturen*'
teilhaben, die die Kunst des Alchemisten zu sondern und
einer gegebenen Materie im geregelten Fortgang aufzuprägen
vermag. Wir sahen, wie diese Anschauung zu Beginn der
neueren Zeit noch unverändert weiterbestand und in Bacons
Natursystem noch einmal einen allgemeinen theoretischen
Ausdruck fand^). Das chemische „Element'' ist, von diesem
Standpunkt aus betrachtet, kein selbständiger gesondert
darstellbarer Körper, sondern der Ausdruck für irgend
eine allgemeine Grundeigenschaft. So wird in
der älteren Alchemie im Element des „Quecksilbers*' der
Inbegriff der dauernden und gemeinsamen metallischen Eigen-
schaften bezeichnet, während durch das Element des,, Schwefels"
die Zersetzbarkeit und Veränderlichkeit, die wir bei den
empirischen Körpern vorfinden, ausgedrückt und erklärt
werden solF). Paracelsus fügt beiden Elementen das Element
des Salzes hinzu; aber er verharrt hierbei durchaus in der
älteren Gesamtanschauung. Die drei Elemente sind ihm
M S. ob. S. 13 ff.
") Näheres hierüber bei Kopp, Geschichte der Chemie, Braun-
schweig, 1843 ff., I, 44 ff., II, 224 ff.; vgl. bes. B e r t h,e 1 o t , Die
Chemie im Altertum und im Mittelalter, dtsch. Ausg. von Fr. Strunz,
Lpz. u. Wien 1909, S. 18 ff.
430 Die Chemie. — Robert Boyle.
nichts anderes als qualitative Zustände der Materie, die
sich in jedem besonderen Körper, jedoch in verschiedenen
Graden der Reinheit, wiederfinden. So bezeichnet er selbst
das ,,syderische'*, d. h. das absolut reine Salz als den Begriff
der Konsistenz und der Unzerstörbarkeit durch das Feuer;
den syderischen Schwefel als Begriff der Verbrennlichkeit
und Veränderlichkeit überhaupt, den syderischen Merkur
endlich als Begriff der Flüssigkeit und der unveränderten
Verflüchtigung durch Hitze^). Immer sind es gewisse
Merkmale von Körpern und Körpergruppen, die in dieser
Begrif fssprache zu dingartigen Wesenheiten umge-
deutet werden. Das Geschehen in der Natur und die chemische
Umwandlung vollzieht sich, indem diese Wesenheiten von
einem ,, Subjekt" auf das andere übergehen und ihm ihre
eigene Natur mitteilen. Die sichtbaren Beschaffenheiten
der Körper sind nur die äußere Erscheinungsweise dieser
letzten qualitativen Komponenten, die uns, wenn sie einmal
in ihrer Eigenart und ihrer Wirkungsweise durchschaut sind,
das Ganze der Natur völlig übersehen und das Geheimnis
ihrer schöpferischen Tätigkeit beherrschen lassen.
Erst allmählich gelangt mit dem endgültigen Siege, den
die mechanische Naturauffassung in der neueren Physik
erringt, auch in der Chemie eine neue Ansicht zur Geltung.
Es ist insbesondere Robert Boyle, der sie erfaßt und
der in ihr dem Begriff des „Elements" eine gänzlich neue
Bedeutung gibt. An die Stelle der „dunklen Qualitäten"
tritt die ,, Korpuskularphilosophie", die in den Dingen nichts
anderes als ihre distinkt erkennbaren Eigenschaften, als Größe,
Gestalt und Bewegung anerkennt. Jede chemische „Erklärung",
die nicht wenigstens der Möglichkeit nach in diesen Grund-
bestimmungen endet und in sie auflösbar ist, hat ihr eigent-
liches Ziel verfehlt: sie verdunkelt den Tatbestand, den sie an-
geblich verständlich machen will. Boyles„Chemista Scepticus"
verfolgt so durchaus den Weg, den Galilei in der Physik ge-
wiesen hatte: die Skepsis gegenüber jeder Theorie über die
letzten Urbestandteile der Dinge führt erst zur Sicherung
^) S. K o p p , a. a. O, I, 97.
Der neue Begriff des Elements. 431
und Kräftigung des empirischen Wissens von der
Konstitution der Körper. Die absoluten Urbestandteile
der Materie mögen unserer Wissenschaft immerhin verborgen
bleiben; — wenn es gelingt, statt ihrer die Bestandteile anzu-
geben, in die wir kraft des Experiments die Körper tatsächlich
zerlegen können, so besitzen wir in diesen relativen Elementen
alles, was für unser Wissen notwendig und fruchtbar ist^).
„Denn nehmen wir selbst einmal an, Salz und Schwefel seien
die Prinzipien, auf die sich diese oder jene Beschaffenheit
im besonderen zurückführen lasse, so wird doch derjenige,
der uns etwas von dieser Qualität lehrt, uns eben
nur etwas von ihr lehren, uns aber keine vollständige
Einsicht verschaffen. Denn was nützt es mir, zu wissen, daß
diese oder jene Qualität in diesem oder jenem Prinzip oder
Element begründet sei, wenn ich doch ihre eigene Ursache
und die Art ihrer Wirkungsweise in keiner Weise kenne?
Wie wenig unterscheidet sich mein Wissen von dem der
großen Menge, wenn ich nichts anderes weiß, als daß das
Gewicht der zusammengesetzten Körper von der Erde ab-
hängt, die in ihnen enthalten ist, während ich doch nicht
weiß, w^arum die Erde selbst schwer ist? Es ist und bleibt
etwas anderes, ein Subjekt zu kennen, dem eine bestimmte
Beschaffenheit vorzüglich eignet oder aber einen wahren
Begriff und eine Einsicht von dieser Beschaffenheit selbst
zu besitzen. Der Hauptmangel jeder derartigen chemischen
Theorie aber scheint mir in demselben Umstand zu liegen,
der auch die Aristotelische und viele andere Theorien zur
Erklärung des wahren Ursprungs der Qualitäten untauglich
macht. Die Phänomene der Natur können nicht erklärt
werden, solange man nur versucht, sie aus der bloßen Gegen-
wart und Mischung dieser oder jener materialer Bestandteile,
die man lediglich im Zustand der Ruhe betrachtet, herzu-
leiten; denn der weitaus größte Teil aller Beschaffenheiten
der Materie und somit aller Naturerscheinungen hängt von
der Bewegung und Struktur ihrer kleinsten körperlichen
*) B o y 1 e , Ghymista Scepticus vel Dubia et Paradoxa Chimlco-
Physica, Genf 1677; vgl. K o p p , a. a. O. II, 273 ff.
432 Die Chemie. — Robert Boyle.
Teile ab"^). Der Bewegung ist es zu danken, daß ein
Körper auf den anderen wirkt, — sodaß in ihr, nicht
aber in irgendwelchen inneren „Sympathien" der Körper,
der Grund für ihre gegenseitige chemische Verwandtschaft
zu suchen ist.
Daß mit dieser Anschauung nicht nur eine einzelne
Ansicht in einem besonderen Gebiet verändert, sondern
eine neue methodische Auffassung der Naturerkenntnis
überhaupt begründet ist: dies hat Boyle selbst deutlich
empfunden und ausgesprochen. Seine Abhandlung ,,De ipsa
Natura" bringt die Wandlung, die sich hier vollzieht,
zu klarem und prägnantem Ausdruck. Über allgemeinen
Lobeserhebungen, mit denen man die Natur bedacht — so
führt sie aus — habe man bisher versäumt, eine scharfe und
eindeutige Bestimmung ihres Begriffs zu geben. Man
spricht von ihr als dem einheitlichen, für sich bestehenden
Urwesen und übersieht hierbei, daß der Sprachgebrauch
des gemeinen Lebens wie der Wissenschaft das Wort in einer
Weite und Unbestimmtheit nimmt, die es um allen festen
logischen Sinn bringt. Die Natur einer Sache bedeutet
uns bald die geheime Grundkraft, der alle ihre ein-
zelnen Beschaffenheiten und Wirkungen entströmen, bald
nur die geordnete Verfassung ihrer einzelnen Teile; sie er-
scheint uns bald als eine Art geistiger Macht, die nach be-
stimmten Zielen hin und gemäß bestimmten Zwecken tätig
ist, bald als ein Inbegriff bloß mechanischer Antriebe und
Wirksamkeiten 2). So wird zu einem einzelnen und einfachen
Dinge gemacht, was doch nur der Ausdruck und Reflex
verschiedenartiger, einander mannigfach kreuzender und
widerstreitender Betrachtungsweisen ist. Dem
gegenüber gesteht Boyle, soweit von der gewohnten
Heerstraße des Denkens abgewichen zu sein, daß er häufig
das Paradoxon hin und her erwogen habe: ob überhaupt
die Natur ein Gegenstand oder vielmehr ein bloßer
^) Chymista Scepticus, p. 113 f.
2) Robert Boyle, De ipsa Natura sive Ubera in receptam
Natürae Notionem Disquisitio, London 1687 (zuerst englisch 1682; der
Entwurf der Schrift geht bis auf das Jahr 1666 zurück). S. bes. S. 14 ff.
Die Umbildung des Naturbegriffs. 433
Name; ob sie ein reales existierendes Etwas
oder nur ein Begriffswesen sei, das die Menschen
erdacht haben, um eine Mannigfaltigkeit von Erscheinungen
in einem abgekürzten Ausdruck zu bezeichnen. Wenn etwa
— um ein Beispiel anzuführen — von dem tierischen Ver-
dauungsvermögen die Rede ist, so werden diejenigen, die
ihre Worte sorgsam prüfen und abwägen, darunter keine
vom menschlichen Körper losgelöste Wesenheit verstehen,
sondern nur das Ganze der chemischen und physiologischen
Bedingungen, die für den Prozeß der Verdauung
erforderlich sind^). Folgen wir diesem Vorbild, so werden
wir allgemein in der Natur nicht länger eine selbständige
kraftbegabte Potenz sehen, sondern in ihr eine ,, ideale" Be-
griff sschöpfung erkennen. Boyle vollendet hier in einem
scharfen Ausdruck, was Kepler und Galilei in ihrem Kampf
gegen Aristoteles begonnen hatten; er entkleidet die Natur ihrer
innerlichen qualitativen Strebungen und Kräfte, um sie ledig-
lich als das geordnete Ganze der Bewegungen selbst zu
denken. Freilich ist selbst diese entscheidende Umformung
von theologischen Motiven und Zusammenhängen noch
nicht gelöst. Noch wird die absolute Macht der Natur be-
kämpft und eingeschränkt, um damit alles Sein und Wirken
auf Gott allein zurückzuführen. Aber der methodische Ge-
danke, der der gesamten modernen Wissenschaft von ihren
ersten Anfängen an innewohnt, tritt selbst in dieser Ver-
kleidung noch deutlich zutage. ,,Wenn wir sagen, daß die
Natur handelt, so meinen wir damit nicht sowohl, daß ein
Vorgang kraft der Natur, als vielmehr, daß er gemäß
der Natur vonstatten geht. Die Natur ist hier also nicht als
eine distinkte und abgesonderte Tätigkeit, sondern gleichsam
als die Regel oder vielmehr als das System
der Regeln zu betrachten, gemäß welchen die tätigen
Kräfte und die Körper, auf welche sie wirken, von dem großen
Urheber der Dinge zum Handeln und Leiden bestimmt
werden**^). Der materiale Begriff der Natur ist damit
1) A. a. O., Sectio quarta, S. 30.
«) De ipsa Natura, Sect. VII, S. 122.
^ 28
434 Die Chemie*
in den formalen, die Natur als Sache in die Natur als
Inbegriff der Regeln aufgehoben.
Der neue Gedanke, der hier ausgesprochen ist, findet
jedoch im speziellen Ausbau der Chemie selbst nur sehr all-
mählich Verständnis und Anerkennung. In den „Praelectiones
chymicae" vom Jahre 1709 versucht F r e i n d die gesamte
Chemie nach Newtonischer Methode abzuleiten, indem er
den Begriff der Attraktion in sie einzuführen und für die
Erklärung fruchtbar zu machen sucht. Aber dieses Bemühen
um eine chemische Dynamik blieb vereinzelt, da der Stand
der empirischen Tatsachenkenntnis ihm nirgends entsprach.
Die erste Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts bleibt durch-
weg von den Theorien der ,,Phlogistiker" beherrscht, in denen
die qualitative Auffassung des Naturgeschehens noch einmal
in bezeichnender Weise hervortritt. Wo immer eine Mehrheit
von Körpern ein und dieselbe Eigenschaft aufweist
— so hatte S e n n e r t gelegentlich diese Ansicht formuliert
— da muß in ihnen auch ein gemeinsames Prinzip tat-
sächlich enthalten sein: ,,ubicunque pluribus eaedem affec-
tiones et qualitates insunt, per commune quoddam prin-
cipium insint, necesse est^)." Wenn eine bestimmte Klasse
von Körpern die Eigenschaft der ,, Brennbarkeit" aufweist,
so beruht dies also auf dem Innewohnen eines eigenen Grund-
elements, das ihnen diese Fähigkeit verleiht. Daß dieses
Element sich nicht gesondert darstellen läßt, bildet keinen
Einwand gegen die Grundansicht selbst: es genügt, wenn
es begrifflich als das notwendige Substrat einer offenkundigen
empirischen Beschaffenheit abgeleitet und begründet ist.
In gleicher Weise wie hier das ,,Phlogiston" als Träger
der Brennbarkeit eingeführt wird, werden auch über-
all sonst bestimmte übereinstimmende Wirkungsweisen
auf beharrende Dinge zurückgedeutet. So wird die ge-
meinsame Eigenschaft aller Säuren einem Gehalt an einem
sauren Prinzip, der Ursäure, zugeschrieben^ die gemein-
same Eigenschaft der kaustischen Alkalien durch die
Annahme eines ,, kaustischen Prinzips" in ihnen er-
Vgl. Kopp, III, 112.
Die Phlogistonbheorie und ihre Überwindung. 435
klärt^). Man sieht: wie sehr auch die Einzelkenntnisse und
das allgemeine Ziel der Chemie sich gegenüber dem Mittel-
alter geändert haben: der logische Gesichtspunkt selbst,
unter dem sie ihre Grundelemente fixiert, ist der gleiche
geblieben.
Erst Lavoisiers Reform führt eine prinzipiell neue
Betrachtungsweise ein, in welcher sich der wissenschaftliche
Begriff der Chemie selbst umgestaltet. Und es scheint
zunächst eine geringfügige Wendung zu sein, durch welche
sie dieses Ziel erreicht : die genaue numerische Fest-
stellung und Vergleichung des Gewichts, das die
einzelnen Körper vor und nach einer bestimmten chemischen
Operation besitzen, führt zu einer veränderten Ansicht des
Verbrennungsprozesses und damit zu einer neuen theoreti-
schen Grundlegung. Indessen ist nicht der Umstand,
daß die Gewichtszahlen überhaupt berücksichtigt werden,
sondern die gedankliche Tendenz, in welcher diese
Berücksichtigung erfolgt, das eigentlich Entscheidende. Daß
der Prozeß der Verbrennung mit einer Gewichtsvermehrung
verbunden ist, war schon innerhalb der Phlogistontheorie
bekannt. Die Theorie selbst aber galt hierdurch nicht als
erschüttert, da innerhalb der Gesamtansicht, auf die sie
sich stützt, den rein quantitativen Kriterien überhaupt
kein bestimmender Einfluß zuerkannt wird. So konnte
Stahl es unbefangen aussprechen, daß bei der Verkalkung
der Metalle das Phlogiston verschwinde, ,, obwohl" eine
Gewichtsvermehrung beobachtet werde, während bei der
Reduktion zwar Phlogiston aufgenommen wird, sich aber
„nichtsdestoweniger" eine Abnahme des Gewichts zeige*).
Was Lavoisier gegenüber dieser Anschauung auszeichnet,
ist weniger die Kenntnis völlig neuer Tatsachen, als
^) Vgl. Kopp I, 155 f. ; s. auch B c r t h e 1 o t , La revolution
chimique. Lavoisier, Paris 1890, S. 38. — Über die philosophischen
Voraussetzungen der Phlogiston-Theorie s. M e y e r s o n , Identitö et
R6alit6, Paris 1908, S. 305 ff.
2) S. Kopp I, 188 f., in, 126 f.; vgL hiermit vor allem das be-
zeichnende Verhalten Macquers gegenüber den Einwänden, die sich
auf quantitative Betrachtungen stülzcn: Kop]) I, 223.
28*
436 Die Chemie. — Lavoisier.
eine veränderte logische Bewertung der bekannten Er-
scheinungen selbst. In dem Kampf um die neue chemische
Theorie wiederholt sich jetzt ein Zug, den wir in der Grund-
legung der wissenschaftlichen Mechanik verfolgen konnten.
Auch hier war von den Anhängern der alten Ansicht versucht
worden, die exakten quantitativen Feststellungen, auf die
die moderne Betrachtungsweise sich stützte, zwar nicht zu
leugnen, wohl aber sie als unerheblich beiseite zu schieben:
alle diese rein mathematischen Bestimmungen beträfen nur
die Oberfläche der Dinge, strtt in ihren Kern und ihre eigent-
liche Substanz einzudringen. Aber wie Kepler zu Robert
Fludd^), so steht jetzt Lavoisier zu seinen Gegnern. Ihm ist
die Größe kein bloßes „Accidens" tnehr, sondern sie wird
ihm zur konstitutiven Voraussetzung für die Feststellung
der empirischen „Wesenheit" der Körper selbst. Jede
chemische Umwandlung eines Körpers in einen anderen ist
an die Bedingung gebunden, daß bestimmte Gleichungen
zwischen dem Anfangs- und dem Endzustand bestehen.
In dieser Forderung besitzen wir ein mathematisches Kriterium,
das von vornherein die vielerlei qualitativen „Möglichkeiten"
einschränkt. „Weder in den Operationen der Kunst, noch
in denen der Natur kann irgend etwas entstehen, und man
kann es als allgemeines Prinzip hinstellen, daß die Menge
der Materie vor und nach jeder Operation die gleiche ist.
Die Beschaffenheit und die Größe der wirkenden Prinzipien
bleibt dieselbe, und es findet nur ein Wechsel, eine Modifikation
statt. Auf diesen Grundsatz gründet sich die gesamte Kunst,
chemische Experimente anzustellen: man muß in ihnen
allen eine wahrhafte Gleichheit oder Gleichung zwischen
den Prinzipien der ursprünglich gegebenen Körper und zwischen
denen, die man aus ihnen durch die Analyse gewinnt, voraus-
setzen.2)" Die ,, Substanzen" im chemischen Sinne sind durch
die quantitative Beharrlichkeit charakterisiert, und diese
ist es, die uns zuletzt allein ein Wissen von ihnen ermöglicht.
1) Vgl. Bd. I, 349 ff.
2) Lavoisier, Traite ^lementaire de Chimie, P. I, Chap. 13;
Oeuvres de Lavoisier, Paris 1864, I, 101.
Svb8ta.nzbegriff und Größenbegriff, 437
Die logische Parallele, die hier zwischen der
Grundlegung der Mechanik und der der Chemie besteht, ist
für die Entwicklung des allgemeinen Erkenntnisbegriffs be-
sonders bezeichnend und lehrreich. Neben dem Begriff der
Substanz ist es der der Kausalität, bei dem diese
Analogie sich bewährt. Der physikalische Begriff der Ursache
hatte sich gleichfalls erst vermittels des Durchgangs durch
den Größenbegriff zur vollen Bestimmtheit seiner Bedeutung
zu entfalten vermocht. Was Galilei seinen peripatetischen
Gegnern vorwirft, ist, daß sie dieses Kennzeichens der Be-
stimmtheit ermangeln und sich statt seiner mit vagen begriff-
lichen Distinktionen der „materialen" und ,, formalen*', der
„substantiellen" und „accident eilen" Ursachen begnügen.
Die Erklärung verliert damit jede feste Richtschnur; die
Prinzipien erweisen sich als derart biegsam, daß sie sich nach
Belieben jedem Tatbestand anpassen können, dadurch
aber keinen einzigen wahrhaft begreiflich machen^). Der
gleiche Vorwurf wird von Layoisier gegen die ,, qualitative**
Chemie seiner Zeit erhoben. Das Phlogiston ist in ihrer Hand
zu einem w'ahren Proteus geworden. Da es niemals wirklich
gegeben, sondern immer nur für die Bedürfnisse des gerade
vorliegenden Falles postuliert ist, so vermag es beliebig seine
Form zu ändern, um bald eine bestimmte Erscheinung, bald
ihr gerades Gegenteil zu ,, erklären'* 2). Erst die Anwendung
genauer Maßmethoden ist- es, die dieser Unsicherheit
eine Grenze setzt. Jetzt genügt es nicht mehr — wie Stahl
es getan hatte — die atmosphärische Luft zwar als notwendiges
Ingrediens der Verbrennungserscheinungen anzuerkennen, sie
aber als eine bloße Nebenbedingung anzusehen, die keine
eigentlich chemische Bedeutung besitzt, sondern nur mechanisch
kraft ihrer Schwere und Elastizität das Feuer anfacht und
^unterhält^). Denn da, wie in einem klassischen Versuch
gezeigt wird*), die M enge des verschwundenen Sauer-
1) S. Bd. I, S. 395 f.
-) Lavoisier, Oeuvres II, 638 f.
') Kopp III, 137 f. ; vfjl. Berthelot, La rc^volution chimique,
S. 51 f., 85.
*) L a vo i s i er , Oeüvr. II, 225; vgl. Berthelot, a. a. O. S.86.
438 Die Chemie. — Lavoisier.
Stoffes der Gewichtszunahme des verbrannten Körpers
genau proportional ist, so ist damit eine feste funktionale
Abhängigkeit gewonnen, die den Übergang, der sich hier
vollzieht, vollständig und eindeutig bestimmt. Die neue
Disziplin fügt sich somit genau dem Rahmen ein, den die
physikalische Methodik Newtons für das Naturerkennen
überhaupt geschaffen hatte. Sie verzichtet auf die Erklärung
des ,, Warum" der einzelnen Qualitäten: die Gegner Lavoisiers
werfen ihm ausdrücklich vor, daß seine Theorie es nicht
verständlich mache, weshalb bestimmten Körpern das Prädikat
der Brennbarkeit zukomme, das anderien Körpern fehlt^).
Aber sie erreicht durch diese Beschränkung erst die Sicherheit
und relative Vollständigkeit der Tatsachen selbst. Efs ist
interessant, hier zu verfolgen, wie eng die neue Form der
chemischen Analyse, die Lavoisier feststellt, sich mit
dem Ideal der philosophischen Analyse berührt,
das im achtzehnten Jahrhundert zu allgemeiner Anerkennung
gelangt. Die Analyse — so hatte die Philosophie der ,,En-
cyklopädisten'* gelehrt — hat zum eigentlichen Ziel nicht
die absoluten Elemente der Dinge, die unerforschlich sind,
sondern die Elemente unseres Wissens von den Dingen.
Sie geht nicht direkt auf die Zergliederung der letzten wirkenden
Kräfte des Alls, sondern auf die Zergliederung unserer empiri-
schen Ideen und Kenntnisse. In der Einleitung zu seinem
,,Traite elementaire de Chimie" geht Lavoisier unverkennbar
auf diese Bestimmungen zurück. Das einzige Mittel, die
Fehler der bisherigen Systeme zu vermeiden, besteht darin,
nur diejenigen Fakta zugrunde zu legen, die uns von der
Erfahrung selbst gegeben sind: auf dieselbe Weise, wie die
^) S. K o p p III, 155 f. — Wenn die Frage nach d€m „Warum**
auf einer späteren Stufe der Chemie wiederkehrt, so hat sie hier doch
einen veränderten Sinn angenommen: sie betrifft nicht mehr den meta-
physischen „Grund" der Qualitäten, sondern ihre Abhängigkeit vom
„Atomgewicht", also einer rein quantitativen Bestimmung. Die „Ab-
leitung" der Elemente bezieht sich ledigUch auf ihre Zusammenfassung
in einer einzigen geordneten Reihe, in welcher der Fortschritt von
Glied zu Glied nach allgemeinen Gesetzen bestimmt ist. Näheres
s. Substanzbegriff und Funktionsbegriff, S. 287 ff.
Philosophische und chemische Analyse. 439
Mathematiker zur Lösung eines Problems durch die einfache
Verknüpfung der ursprünglichen Daten gelangen. Das
herrschende Schulsystem aber verfährt gerade umgekehrt:
man beginnt damit, die Prinzipien der Körper festzusetzen,
die Tafel der Verwandtschaften zu erklären, ohne zu be-
merken, daß man hierzu notwendig von Anfang an die
wichtigsten Phänomene der Chemie zugrunde legen und
Ausdrücke, die nicht definiert werden, gebrauchen muß,
so daß man also die Wissenschaft, die man lehren will, schon
als fertig gegeben voraussetzt, ,, Alles, was man über die
Zahl und die Natur der Elemente sagen kann, beschränkt
sich demgemäß auf rein metaphysische Streitfragen: es
handelt sich hierbei um unbestimmte Probleme, die man
aufzulösen sucht, die aber einer Unendlichkeit von Lösungen
fähig sind, ohne daß doch wahrscheinlich eine einzige unter
ihnen im besonderen mit der Natur im Einklang ist," Be-
gnügen wir uns dagegen, mit dem Namen des Elements nichts
anderes zu bezeichnen als das letzte Ergebnis, bis zu dem
unsere Analyse gelangt ist, so werden alle Substanzen, die
wir bisher noch durch kein Mittel zerlegen konnten, uns
Elemente heißen: nicht als ob wir behaupten könnten, daß
diese Körper, die wir als einfach betrachten, nicht selbst
wiederum aus zweien oder mehreren Bestandteilen zusammen-
gesetzt seien, sondern nur in dem Sinne, daß sie sich, da wir
sie in keiner Weise mehr zerlegen können, für uns wie
einfache Körper verhalten und wir sie nicht eher als zusammen-
gesetzt ansehen dürfen, bevor Erfahrung und Beobachtung
uns den Beweis hierfür geliefert hat^).*' In dieser Fest-
setzung tritt sowohl die Bedeutung wie die Schranke des
neuen Gesichtspunktes, den Lavoisier einführt, deutlich
hervor: und in beidem steht er mit der Philosophie des Zeit-
alters in nahem Zusammenhang. Das gedankliche und kon-
struktive Moment, das schon mit der Umsetzung der chemi-
schen Erfahrungen in exakte Größenbestimmungen gegeben
ist und das im weiteren Fortgang der Chemie immer klarer
M Lavoisier, Trait6 616mentarie de Chimie, Oeuvres I, 4 ff.;
vgl. hrz. bes. die Bestimmungen d'Alemberts (ob. S. 408 ff.).
440 Die Chemie. — Lavoiaier.
zutage getreten ist^), wird zurückgedrängt: um die „reine"
Erfahrung von metaphysischen Bestandteilen frei zu halten,
muß sie, soweit als möglich, in die bloße Wahrnehmung auf-
gelöst werden^). Dennoch bedeutet Lavoisiers Leistung
implizit einen der wichtigsten Schritte in der Richtung
auf die Erkenntnis der logischen Grundsätze der Er-
fahrungserkenntnis selbst: denn der Begriff der Substanz
geht hier endgültig von seiner ontologischen in seine moderne
erkenntniskritische Bedeutung über, indem er als reiner
Korrelatbegriff zum Gedanken der quantitativen Erhaltung
gefaßt wird.
Von einer anderen Seite her erfaßt man den Zusammen-
hang, der zwischen der Neubegründung der Chemie und den
philosophischen Bestrebungen der Zeit besteht, wenn
man von der Betrachtung der chemischen Begriffs-
sprache, die jetzt entsteht, seinen Ausgang nimmt. Daß
die Einführung dieser Begriffssprache von Anfang an ein
wesentliches Ziel seiner Forschung gebildet habe, hat Lavoisier
selbst hervorgehoben. Hier knüpft er an die Lehre Condillacs
über den Zusammenhang von Sprache und Vernunft aus-
drücklich an. (Vgl. S. 417 ff.) Es ist nicht möglich, das
Problem des Erforschung der Dinge von dem ihrer
Bezeichnung zu trennen: denn Wort und Begriff stimmen
innerlich darin überein, daß sie beide nur zwei Seiten der
einheitlichen Methode der gedanklichen Analyse sind.
,,Und so hat sich mir, während ich mich nur mit der Nomen-
klatur der Chemie zu beschäftigen glaubte, und mein Streben
auf die Vervollkommnung der chemischen Sprache ging,
mein Werk unter meinen Händen unmerklich zu einem
elementaren Traktat der Chemie gewandelt. Die Unmöglich-
keit, beides zu sondern, ergibt sich daraus, daß alle Natur-
wissenschaft es notwendig mit drei Arten von Gegenständen
zu tun hat: mit der Reihe der Tatsachen, die ihr eigentliches
Objekt bildet, mit den Ideen, vermöge deren wir uns die
1) Vgl. hrz. die Bemerkungen Berthelots gegen Lavoisiers
Definition des chemischen Elements: La revolution chimique, S. 148 ff. ^
cf. B e r t h e 1 0 t , La Chimie organique fondee sur la Synthese.
2) Vgl. ob. S. 410 f.
Lavoisiers Verhältnis zur- Philosophie. 441
Tatsachen zurückrufen und mit den Worten, durch die wir
sie bezeichnen. Das Wort soll die Idee wachrufen, die Idee
soll die Tatsache abbilden: es handelt sich hier nur um drei
Abdrücke ein und desselben Siegels; und da es die Worte
sind, die die Ideen festhalten und übermitteln, so folgt daraus,
daß man weder die Sprache ohne die Wissenschaft, noch die
Wissenschaft ohne die Sprache vervollkommnen kann^)."
So lenkt Lavoisier auch hier zu den Forderungen zurück,
die die Philosophie seiner Zeit allgemein formuliert hatte:
ein erneuter Beweis dafür, wie sehr das allgemeine Erkenntnis-
ideal einer Epoche sich bis in ihre konkretesten wissenschaft-
lichen Einzelbestrebungen hinein fruchtbar und bestimmend
erweist. Zugleich aber geht von der besonderen Gestaltung
der Chemie eine Rückwirkung auf die logischen Probleme
aus; denn die Funktion der Bezeichnung, die hier
ihre Bedeutung erweist, führt für die tiefere Analyse not-
wendig wiederum zu der Frage nach der allgemeinen Funktion
des Begriffs zurück.
^) Lavoisier, Tratte 6l6mentaire, Oeuvres I, 1 f.
Zweites Kapitel.
Raum und Zeit.
1. Das Raum- und Zeitproblem in der
Metaphysik und spekulativen Theologie.
Das Ziel, das Newtons Wissenschaft sich stellt, ist, wie
sich zeigte, nicht auf die Aufhebung der Metaphysik, sondern
lediglich auf ihre Abgrenzung gegen die exakte mathematische
Forschung gerichtet. Daß es Objekte gebe, an denen unsere
Erfahrungserkenntnis schließlich ihre Schranke findet, wird
hier nirgends bestritten: aber soviel ist erreicht, daß jenes
überempirische Sein den stetigen Gang der wissenschaftlichen
Beobachtung und Zergliederung der Phänomene nicht mehr
zu hemmen vermag. Zwei verschiedene Gebiete mit eigener
und unabhängiger Gerichtsbarkeit stehen nunmehr einander
gegenüber. Newtons philosophische Größe bekundet sich eben
darin, daß er den religiösen und metaphysischen Problemen,
zu denen er selbst noch im innerlichsten persönlichen Ver-
hältnis steht, jeden Eingriff in das Gebiet der physikalischen
Tatsachenforschung mit Kraft und Entschiedenheit verwehrt.
Nur an einem Punkte tritt Newton aus dieser kriti-
schen Zurückhaltung heraus: seine wissenschaftliche Lehre
von Raum und Zeit klingt zuletzt in einer Schilderung beider
als göttlicher Attribute aus, die uns mitten in die Grund-
fragen der spekulativen Theologie der Zeit versetzt. Damit
aber entsteht eine Problemverwicklung, die für die gesamte
Epoche charakteristisch ist und deren Nachwirkung sich noch
bis in die Anfänge des Kantischen Denkens verfolgen läßt.
Wenn man versucht, die einzelnen Fäden, die sich hier
ineinanderwirren , wiederum zu lösen und gesondert
zu verfolgen, so sieht man sich geschichtlich auf die
Philosophie Henry Mores zurückgewiesen , die das
eigentliche Zentrum für die Metaphysik des Raum-
Baumbegriff und GoUeahegriff. 443
Problems bildet. In Mores „Enchiridium Metaphysicum"
treten uns die Motive, die sich später nur vereinzelt und durch
andersartige Tendenzen gehemmt vorfinden, in völlig reiner
Ausprägung entgegen. More ist einer der Ersten, der von
Descartes' philosophischer Reform ergriffen wird; aber er
tritt der neuen Lehre, die er in wichtigen Punkten an-
nimmt, sogleich mit selbständiger Kritik gegenüber. Seine
Briefe an Descartes gehören zu den interessantesten
Gegenäußerungen und haben vielfach zu einer schärferen
Aussprache und Begründung der wichtigsten Cartesischen
Lehren mitgewirkt. Der Gegensatz zwischen More und
Descartes gipfelt in der Lehre vom Räume: wenn Des-
cartes Ausdehnung und Materie gleichsetzt und damit
den Raum zum Stoffe macht, so ist es umgekehrt sein
,, geistiger'* und unkörperlicher Charakter den More zu er-
weisen sucht. Darin erst sieht er den Widerstreit zwischen
den religiösen Interessen und der empirischen Forschung
wahrhaft geschlichtet: die Analyse des mechanischen Ge-
schehens selbst wird zum Schlüssel für die Erkenntnis der
geistigen Naturen. Die Existenz der unendlichen un-
beweglichen Ausdehnung, die kraft dieser ihrer Grundeigen-
schaften vom Körper prinzipiell geschieden ist, bietet den
sichersten und unmittelbar anschaulichen Beleg für ein höheres,
stoffloses Dasein dar. Jeder Versuch einer subjektivistischen
Deutung und Abschwächung dieses ,, spirituellen" Gehaltes
muß — wie Henry More im Hinblick auf Hobbes' Raum-
lehre ausführt, — notwendig scheitern. Der Raum ist kein
bloßer gedanklicher Beziehungsbegriff; er ist vielmehr das
,, reale Fundament", das bei joder Setzung von Beziehungen,
bei jeder Aussage über die wechselseitige Lage und Ent-
fernung der Körper von uns bereits zugrunde gelegt werden
mußi). Wir müssen uns notwendig vorstellen, daß die Aus-
^) „Nee eludi potest vis Argumenti dicendo quod dlstantia non
Sit proprietas alicujus rei Phvsica, sed tantum resTjectiva et notionalis.
Esto enim, quatenus utique duo corpora a se invieem dicuntur distare,
quod isthoc modo sint Relata. Fundamentum tarnen hujus
relationis est reale quid, ut in multis aliis Relationibus
rerum Physicarum." (More, Enchiridium Metaphysicum sive de
444 Henry More.
dehriung von jeher existieri hat und für immer existieren
wird, gleichviel ob irgendein denkendes Individuum besteht,
das sie sich in seiner „Imagination" vergegenwärtigt. Wie
aber könnte es eine in Ewigkeit fortbestehende, wirkliche
Eigenschaft geben, ohne daß zugleich eine reale sub-
stantielle Grundlage für sie bestände^) ? Diese Grund-
lage aber, die wir notwendig fordern müssen, finden wir
nirgends im Bereich des physischen Seins, das uns unmittelbar
umgibt. Was uns an den Körpern als deren Beschaffenheit
entgegentritt, das sind nur begrenzte und von einander ge-
trennte Teile der Ausdehnung, deren Summierung niemals
das Ganze des Einen unendlichen Raumes ausmacht.
Soll also dieses Ganze nicht lediglich ein Gebilde unserer
Einbildungskraft sein, so müssen wir ihm einen sichereren
Halt suchen, als die wandelbaren empirischen Objekte ihn
darbieten können. Das wirkliche Subjekt des absoluten
Raumes und der absoluten Zeit kann nur die göttliche Substanz
sein, deren schrankenloses Wirken sich uns hier in der Form
eines zwiefach unendlichen Seins offenbart. ,,So strebe ich
danach und streite dafür — mit diesen Worten beschließt
More seine Untersuchung — Gott durch dieselbe Pforte in
die Welt wieder einzuführen, durch welche die Cartesische
Philosophie ihn von ihr auszuschließen gedachte^)."
Die scholastischen Voraussetzungen dieser Be-
weisführung treten jetzt freilich unverkennbar hervor. Die
Raumlehre Henry Mores wurzelt gänzlich in seinem meta-
physischen Substanzbegriff. Jedes ,,Accidens" weist auf
einen Träger hin, der ihm an Realität mindestens gleichsteht:
rebus incorporeis P. I, Cap. VIII, § 5. — Henrici Mori Cantabrigiensis
Opera, London 1679.)
^) „Imo vero non possumus non concipere Extensionen^ quandam
immobilem omnia in infinitum pervadentem extitisse semper et in
aeternum exstituram (sive nos de ea cogitemus, sive non cogitemus)
et a materia denique mobili realiter distinctam. Ergo necesse est ut
reale aliquid subjectum huic subsit Extensioni, cum sit attributum
reale. Haec argumentatio ita firma est, ut nulla possit esse firmior.
Nam si illa vacillet, nullius prorsus realis Subjecti existentia certo
concludere possumus in rerum natura " (Enchiridium P. I, Cap. VIII, § 6.)
2) A. a. O. § 7.
Der Raum als geistige Wesenheit. 445
denn vom Nichts kann es keine Eigenschaften geben. Inner-
halb dieses Gesichtskreises bewegt sich auch die gesamte
weitere Argumentation, die darauf abzielt, die Überein-
stimmung und Vereinbarkeit von Ausdehnung und Dauer
mit den übrigen Attributen und Grundcharakteren der Gott-
heit nachzuweisen. Nacheinander werden hier die bekannten
dogmatischen Bestimmungen, die verschiedenen ,, Titel" des
höchsten Seins aufgezählt und zu den logischen Eigentümlich-
keiten des Raumes und der Zeit in Beziehung gesetzt^). Gott
wird als unbedingte Einheit und Einfachheit ge-
dacht: aber auch für den absoluten Raum gelten diese Merk-
male, da er qualitativ durchaus gleichartig und quantitativ
einzig, weil nicht in eine wirkliche Mehrheit von Teilen zer-
legbar, ist. Denn so wenig er aus physischen Elementen
besteht, so wenig kann er in sie wahrhaft aufgelöst werden;
vielmehr besitzt alle Zerlegung, die wir in der Vorstellung
mit ihm vornehmen, lediglich abstrakte und logische Be-
deutung. Wird ferner Gott den Dingen als unabhängige
Existenz entgegengesetzt, so steht der Raum den Objekten
nicht minder selbstgenügsam gegenüber, da er ihrer für sein
eigenes Dasein nicht bedarf, sondern sie, als in sich selbst
fertige und abgeschlossene Natur, nur nachträglich in sich
eingehen läßt. Denken wir uns daher selbst alle Dinge ver-
nichtet, so können wir uns doch seine Existenz niemals fort-
denken: sie behauptet für unsere Vorstellung notwendigen
Bestand^). In gleicher Weise werden die übrigen Prädikate
^) „Neque enim reale dumtaxat, sed Divinum quiddam videbitur
hoc Extensum infinitum ac immobile . . . postquam Divina illa Nomina
vel titulos, qui examiissim ipsi congruunt enumeraverimus : qui et
ulteriorem fidem facient illud non posse esse Nihil, utpote cui tot tam-
que praeclara Attributa competunt. Cujusmodi sunt quae sequuntur
quaeque Metaphysici primo Enti speciatim attribuunt. U t U n u m ,
Simplex, Immobile, Aeternum, Gompletum, In-
dependens, A se existens, per se subsistens,
Incorruptibile, Necessarium, Immensum, In-
creatum, Omnipraesens, Incorporeum, Omnia
permeans et complectens. (A. a. O. § 8.)
^) „Necesse autem est concipere tanquam existens a se, cum sit
omnino independens ab alio. Quod autem ab alio non dependet. hoc
446 Henry More und Newton,
des Raumes, seine Unbeweglichkeit, seine Unvergänglichkeit
und LTnermeßlichkeit als Zeugen seiner reinen Geistigkeit an-
gerufen. Das sinnliche Bild, das wir uns vom Räume zu machen
pflegen, kann jetzt nur noch als der ungenaue Umriß seiner
echten Realität gelten. Im Symbol der sinnlichen Ausdehnung
offenbart sich uns ein intelligibles Sein. Zu diesem hinzu-
leiten, erscheint als die eigentliche Aufgabe der Philosophie,
in der sie die Mathematik, die bei dem bloßen Anschauen
des bildlichen Schemas selbst verharrt, weit hinter sich läßt.
,,Das geistige Objekt, das wir Raum nennen, ist nur ein ver-
schwindender Schatten, der uns die wahre allgemeine Natur
der ununterbrochenen göttlichen Allgegenwart irii schwachen
Lichte unseres Intellekts darstellt, bis wir sie mit wachen
Augen und aus größerer Nähe anzuschauen imstande sind^).'*
Die metaphysische Gesamtanschauung, die damit ge-
schaffen ist, bildet auch für Newtons, Denken den latenten
Untergrund. Daß Newton sich zu More hingezogen fühlte,
erscheint historisch begreiflich: denn bei ihm schien er die
philosophische Vorbereitung und Zurüstung für den Kampf
zu finden, den er als Forscher gegen das Cartesische System
der Physik zu führen hatte. Freilich geht alles das, was bei
More als dogmatische Behauptung auftritt, bei Newton
alsbald in die vorsichtige Form der Frage über. Gibt es
in den Räumen, die wir von Materie leer denken, dennoch
ein Medium und lassen sich mit seiner Hilfe vielleicht die
Gravitationserscheinungen erklären? Wie kommt es, daß
in der Natur nichts vergebens geschieht und woher rührt
die Schönheit und Harmonie des Weltganzen? Folgt nicht
aus den Naturerscheinungen, daß es ein unkörperliches,
verstandesbegabtes und allgegenwärtiges Wesen gibt, für
das der Raum gleichsam das Sensorium ist, in dem es die
manifestissimo est indicio, nempe quod tametsi res reliquas omnes
tanquam rerum natura exterminabiles concipere possumüs, hoc
tarnen Extensum infinitum immobile rie cogi-
tatione quidem vel fingi potest exterminabil e."
(A. a. O. § 10.)
1) Enchiridium Metaphysicum (Op. I, 171 ff.); vgl. a. Antidoten
adversus Atheismum, Appendix, Cap. 7, 1 und 2^ (Opera II, 162.)
Sinnliche und inteUigible Ausdehnung, 447
^^ '. . — - — _ ,.. \
Dinge selbst wahrnimmt und in ihrer Wesenheit begreift; —
während das wahrnehmende und denkende Prinzip in uns
selbst stets nur die Abbilder der Dinge in seinem kleinen
Sensorium aufzufassen vermag^)?" Die menschliche Seele
— so erläutert C 1 a r k e in seinen Schriften gegen Leibniz
diese Ansicht — hat es immer nur mit den Kopien der Objekte
zu tun, die sich vermittelst der Sinnesorgane im Gehirn er-
zeugen und sie betrachtet diese Kopien, als besäße sie an
ihnen die Gegenstände selbst. Gott dagegen ergreift die
ursprünglichen Originale und Wesenheiten der Dinge kraft
der unmittelbaren gegenwärtigen Gemeinschaft (immediate
presence), in der er zu ihnen steht. Die Einzelwesen müßten,
jeglichen Haltes beraubt, in Nichts zerfallen, sobald sie
gänzlich aus der göttlichen Substanz entlassen und von
ihr getrennt wären; was sie erhält und ihnen ihren Anteil
am Dasein gibt, ist nur die reale Allgegenwart, kraft deren
Gott in jedem ihrer Teile unmittelbar enthalten und wirk-
sam ist^).
Bei Newton selbst bilden freilich alle diese Bestimmungen
nur ein Neben- und Außen werk: sie treten, sobald er sich
den exakten Definitionen der physikalischen Grundbegriffe
zuwendet, mehr und mehr zurück. Auf die Zeitgenossen
indessen haben sie kaum eine geringere Wirkung, als die
Ergebnisse seiner empirischen Forschung geübt. Es knüpft
sich an sie eine theologische Bewegung, die — wenngleich
sie von den Geschichtschreibern der Epoche kaum beachtet
*) „Atque his quidem rite expeditis, annon ex phaenomenis
constat, esse Entern incorporeum, viventem, intelligentem, omni-
praesentem, qui in spatio infinito, tanquam sensorio suo, res ipsas
intime cernat, penitusque perspiciat, totasque intra se prae-
sens praesentes complectatur; quarum quidem rerum
id quod in nobis sentit et cogitat, imagines tantum ad se per organä
sensuum delatas, in sensoriolo suo percipit et contuetur.*' Newton,
Optice, lat. reddid. Samuel Clarke, Lausanne 1740, Quaest.
XXVIII. — Vgl. Philosophiae naturalis principia mathematica. Lib. III,
Scholium generale.
2) Streitschriften zwischen Leibniz und Clarke: Clarkes erste
Replik § 3; dritte Replik § 10 — 12; näheres hierüber in m. Ausgabe
von Leibniz' Hauptschriften: Bd. I, S. 116, 121 f., 143 f.
448 Die Schule Newtons.
worden ist — doch zu den charakteristischsten Zügen im
Gesamtbilde der Zeit gehört. Die Zurückhaltung, die den
Meister an diesem Punkte kennzeichnete, wurde von den
Schülern bald nur noch als eine formale Eigentümlichkeit
seiner Darstellungsweise empfunden, von der es sich zu be-
freien galt: an die Stelle der zweifelnden Frage treten nun
breite dogmatische Erörterungen, in denen der absolute
Raum und die absolute Zeit als göttliche ,, Attribute" bestimmt
und abgehandelt werden. Die Gottesbeweise ins-
besondere schienen hier den festen ,, apriorischen" Grund
gefunden zu haben, auf den sie sich fortan stützen konnten.
Sie waren in ihrer überlieferten Form bereits allgemein als
unzulänglich erkannt, und insbesondere gegen den ontologi-
schen und kosmologischen Beweis mehrten sich mit dem
Erstarken der psychologischen und erkenntnistheoretischen
Kritik die Angriffe. Die Existenz der sichtbaren Welt vermag
— wie nunmehr auch von theologischer Seite her ständig
betont wird — keinen völlig einwandfreien Beweis für ihren
unendlichen Schöpfer abzugeben: denn von der Wirkung
auf die Ursache gilt kein sicherer Schluß. Die Materie und
die Körperwelt stehen mit dem Sein Gottes in keinem inneren
und n o t w^ e n d i g e n Zusammenhang, sondern sind ein
freies Produkt seiner Willkür; so können wir denn aus ihnen
auch niemals einen streng logischen Beweisgrund ent-
nehmen, der uns zum unbedingten Sein hinleitete. Aber
was der Scholastik versagt blieb, das scheint nunmehr die
mathematische Naturwissenschaft zu leisten. Nicht sowohl
die Zergliederung der Naturerscheinungen, als
vielmehr die Analyse der Grundbegriffe der N a t u r e r -
k e n 11 t n i s ist es, von der wir die Aufklärung über das Sein
und die Attribute Gottes zu erwarten haben. Der Grund
des ,, Absoluten" ist in den Fundamenten des empirischen
Wissens selbst fest und unerschütterlich gelegt: der Rück-
schluß von dem unendlichen Räume und der unendlichen
Dauer auf ein allgegenwärtiges und ewiges Subjekt,
das jene Bestimmungen in sich enthält und trägt, wird jetzt
als ,,der einzig reale und demonstrative Beweis'* für das
Dasein des Urwesens verkündet. Es ist insbesondere
Raumbegriff und Gottesbegriff. 449
Samuel Clarke, der in seinem weitverbreiteten und
historisch wirksamen Werke: ,,A Discourse concerning the
Being and Attributes of God" die neue Beweisart ausprägt
und nach allen Richtungen durchzuführen sucht. Der lang-
wierige Dogmenstreit, der damit entfacht wird^), aber dient
wenigstens mittelbar dem erkenntniskritischen Interesse, da
beide Parteien, um ihre Stellung zu behaupten, sich immer
mehr auf die selbständige logische Bearbeitung der wissen-
schaftlichen Begriffe, die sie zunächst als bloßes Material
benutzt hatten, hingewiesen sehen.
Und nicht nur in den Kreisen der Theologie, sondern
auch in denen der exakten Forschung wirkt dieseVerschmelzung
von Raum- und Gotteslehre weiter. War doch, tiotz allen
^) Aus der reichen Literatur dieses theologischen Streites greife
ich nur einige Werke heraus, die von erkenntnistheoretischem Interesse
sind. Für Samuel Glarkes Stellung kommt insbesondere sein
Werk: ,,A Discourse concerning the Being and Attributes of God, the
Obligations of Natural Religion and the Truth and Certainty of the
Christian Revelation" <London 1705/06) in Betracht, sowie seine Ver-
teidigung gegen Einwände, die wider dieses Werk von Joseph Butler
gerichtet wurden. („Letters to the Reverend Dr. Clarke from a Gentle-
man in Gloucestershire with the Doctor's Answers"; gedr. als Anhang
der neuen Ausgabe von Clarkes Discourse, Glasgow 1823, bes. S. 424 ff.)
Für Clarke trat insbesondere John Jackson ein (The Exi-
stence and Unity of God; proved from his Nature and Attri-
butes, Being a Vindication of Dr. Clarke's Demonstration of the
Being and Attributes of God (London 1734); gegen ihn schrieb:
Edmund Law (Additional Notes to Archbishop King's Essay
on the Origin of Evil; u. insbes.: ,,An enquiry into the ideas of space,
time, immensity and eternity; as also the Seif Existejice, Necessary
Existence and Unity of Divine Nature", Cambridge 1734).
Joseph Clarke (Examination of Dr. Clarke's notion of space,
with some Considerations on the Possibility of eternaL Creation ; Cam-
bridge 1734; A farther examination of Dr. Clarkes notion of space,
ibid. 1735).
Isaac Watts, Philosophical Essays on various subjects
Second edit., London 1736 (zuerst 1732); Essay I: A fair Enquiry
and Debate concernifig Space whether it be Something or Nothing,
God or a Creature.
u. R a m s a y , The Philosophical Principles of Natural and
Revealed Religion, Glasgow 1748, Book I, Propos. VIII, Scholium
(Vol. I, S. 57 ff.).
29
450 Joseph Raphson.
kritischen Ansätzen, zum mindesten in den einzelnen Denker-
persönlichkeiten die Trennung der Probleme nirgends be-
stimmt erfolgt, so daß die Grenzen der verschiedenen Sphären
überall unvermerkt in einander übergehen. Wieweit der
Einfluß der Metaphysik hier noch reicht, das ergibt sich
am deutlichsten aus dem Beispiel derer, die ihm nur wider-
strebend folgen. Auch innerhalb der positivistischen Auf-
klärungsphilosophie ist die endgültige innere Befreiung noch
keineswegs erreicht: d'A 1 e m b e r t , der es unternommen
hatte, die Philosophie ihres ,, chimärischen" Charakters zu
entkleiden und sie als reine Tatsachenwissenschaft zu be-
gründen, bleibt bei einer dogmatischen Seelen- und Un-
sterblichkeitslehre stehen^), während M a u p e r t u i s , der
als Erster unter den zeitgenössischen Forschern Humes
Zweifel aufnimmt und fortspinnt, die theoretische Physik,
deren rein empirischen Ursprung er beständig hervorhebt,
zum Fundament eines exakten Gottesbeweises zu machen
denkt 2). So zeigt sich überall im Fortgang der Mathe-
matik selbst eine starke metaphysische Unter- und Gegen-
strömung. Ein Mathematiker des Newtonischen Kreises
und der Verfasser einer Geschichte der Fluxionsrechnung,
Joseph Raphson ist es, der die spekulativen Grund-
gedanken von Mores und Newtons Raumtheorie er-
greift und weiterbildet. Wo immer uns irgendeine , »Voll-
kommenheit" in den Dingen entgegentritt, da müssen wir
— wie er argumentiert — ihren Quell und ihr Prototyp in
der ersten Ursache suchen, die alle nur erdenkliche Realität
in einem höheren, ,, transzendentalen" Sinne in sich enthält.
Wenn also die Idee des unendlichen Raumes und der un-
ermeßlichen Zeit irgendeinen positiven Inhalt repräsentiert
— und wie wäre es anders möglich, da beide die V o r a u s -
Setzungen sind, unter denen wir erst von dem Dasein
der begrenzten Körperwelt sprechen können? — so ist auch
das eigentliche und vollkommene Urbild beider in Gottes
eigenem Sein zu suchen. Wie aus einem Ungeistigen kein
1) Vgl. bes. d'A 1 e m b e r t , Elements de phüosophie, Chap. VI
2) M a u p e r t u i s , Essai de Cosmologie (s. ob. S, 425 f.).
Raum und Zeit als Attribute des Urtuesens. 451
Geistiges, so könnte auch aus einem Unausgedehnten kein
Ausgedehntes sich jemals entfalten^). So wenig wir daher
in Gott jene beschränkte, teilbare und unvollkommene Aus-
dehnung annehmen dürfen, die den empirischen Körpern
eignet, so sehr müssen wir in ihm eine unbegrenzte und stetige,
in sich einfache und unteilbare Erstreckung und Dauer an-
erkennen. Seine Existenz ist gleichmäßig in allen Punkten
des Raumes und allen Momenten der Zeit. Das Einzelding
wird also von der höchsten unendlichen Substanz nicht nur
symbolisch, sondern im wirklichen Wortsinne umfaßt
und umschlossen und besitzt außerhalb ihres Um-
kreises keinen möglichen Bestand. ,,Im Vergleich mit jenem
Wesenhaftesten sind die Objekte eher schwache Abschattungen
der wahren Wirklichkeit, als daß sie selber etwas Reales
wären; denn selbst wenn sie überall wären, so würden sie
doch, da sie das Sein nur in vielfältiger Zerstückung ent-
halten, an die Unendlichkeit der obersten Ursache, die im
höciisten Sinne positiv und real ist, niemals heranreichen^)."
Der wahre Weg, der vom Bedingten zum Unbedingten führt,
ist nunmehr in klarer Weise vorgezeichnet: wir brauchen
nur, was uns in der empirischen Auffassung als Bruchstück
gegeben ist, von jeglicher gedanklichen Schranke zu befreien,
um uns zur adäquaten Anschauung der absoluten Wirklich-
keit zu erheben. Der Raum, wie der Mathematiker und
mathematische Physiker ihn denkt, leistet uns hierbei den
entschiedensten und unentbehrlichen Mittlerdienst. Denn
er enthält alle Bestimmungen, die wir am materiellen Körper
gleichsam in getrübtem und gebrochenem Lichte erblicken,
in reinerer und geistigerer Weise in sich. Er ist unteilbar und
doch der Grund aller Teilbarkeit, unbeweglich und doch die
^) ,,Hinc appareat duplex ille perfectionum in rebus creatis Föns
primus seu nQioxozvnor in Prima Causa modo (ut loquuntur) eminentiori
et transscendentali. Cumque . . . Nil dat quod non habet (modo per-
fectiori) in seipso: eadem rationis paritate redibit quaestio: Qui ex
non cogitante produci potest cogitans?, eadem inquam paritate rationis:
Qui ex non Extenso provenire possunt Extensa ?" (JosephRaph-
s o n , De Spatio Reali seu Ente Infinito Conamen Mathematico-
Metaphysicum, London 1702, Cap. VI, S. 83.)
'')Raphson, De Spatio Reali, Cap. VI, S. 90.
29*
452 Raphson. — Cudworth. — Watts.
Bedingung für jede Bewegung, in sich homogen und ein-
heitlich und doch die Voraussetzung für alle Besonderung
und wechselseitige Abgrenzung der Dinge. Mit allen diesen
Eigenschaften aber ist er das schärfste und genaueste Spiegel-
bild der göttlichen Substanz, das wir kennen, und offenbart
uns in jedem Einzelzuge eines ihrer wesentlichen Attribute^).
An diesen Ausführungen und Weiterbildungen der New-
tonischen Ansicht zeigt es sich besonders deutlich, wie sehr
in ihr der methodische Grundgedanke, der die neue
Wissenschaft charakterisiert, bereits verlassen war. Und
dennoch ist auch dieses Moment — so vielseitig sind die
Bahnen und Möglichkeiten der Ideenentwicklung — nicht
lediglich negativ abzuschätzen : denn in der Spirituali-
s i e r u n g des Raumes und der Zeit war, wie sich zeigen
wird, zugleich ihrer künftigen Idealisierung der Weg
gewiesen.
II.
Die kritische Erörterung von Henry Mores Raumlehre
hält sich — wenn wir sie zunächst nur innerhalb des engeren
Gebietes der englischen Philosophie verfolgen — anfangs
selbst noch durchaus im Umkreis der theologischen Fragen,
um erst allmählich in psychologische Bahnen einzulenken.
Für die spekulative Gotteslehre schien Mores Anschauung
einen entscheidenden Gewinn zu bedeuten: denn den
,,Hobbisten" und ,, Atheisten" war hier ihre stärkste logische
Waffe entwunden. Der leere Raum, der bisher die Grund-
lage aller atomistischen und mechanistischen Konstruktionen
des Geschehens gebildet hatte, wurde nunmehr zu einem
klaren und bündigen Beweisgrund für das Dasein einer höchsten
unkörperlichen Substanz. In diesem Sinne verwendet Cud-
worth die Beweise Mores, ohne sich ihren sachlichen Inhalt
1) „Omnigenae autem infinitudinis verae ratio ultima et reciproca
in absolutissima unitate consistere invenietur ut et summa unitatis
ratio in infinitudinem absolutam desinere et absorberi. Quicquid ergo
infinitudinem actualem et in suo genere absolutissimam exprimit,
essentiam Primae Causae exprimit necessario existentem omniumque
quae sunt Authorem.'' (Raphson, De spatio reali, Cap. V, S. 80.)
Die Paradoxien des Raumbegriffs. 453
ganz zu eigen zu machen, als Argumente ad hominem im
Kampfe gegen die materialistischen Systeme^). Schwerer
freilich als dieser Vorzug der Lehre mußten zuletzt die theo-
logischen Bedenken wiegen, die ihrer Annahme entgegen-
standen. Die strenge Scheidewand zwischen Gott und
Welt war durch sie beseitigt; der reine Raum schien gleich-
sam zwischen der Sinnenwelt und der intelligiblen Welt zu
schweben, so daß beide unmittelbar einander berühren und
unmerklich in einander überfließen konnten. So werden
jetzt gegen Mores und Clarkes Auffassung Bedenken und
Einwände laut, wie etwa B a y 1 e sie gegen Spinoza
gerichtet hat. Gehört der Raum notwendig und untrennbar
zur göttlichen Wesenheit, so bildet jeder Körper kraft der
Ausdehnung, die ihm zukommt, einen wirklichen Teil vom
Sein Gottes; so müssen wir also die Einzelwesen entweder
jeder selbständigen Realität berauben, oder aber in ihnen
ebensoviele einzelne ,, Götter" anerkennen. Wie immer wir
hier die Entscheidung zu treffen suchen, so sehen wir uns
alsbald in unlösbare Schwierigkeiten verstrickt. Die Ab-
handlung eines bekannten theologischen Schriftstellers der
Zeit: T_s a fi c W a 1 1 j^' ,,Enquiry concerning Space*' faßt
alle diese Paradoxa der Moreschen Lehre — freilich mehr
in rhetorischem als in philosophischem Stile — zusammen.
,,Was ist zuletzt dieses so gewöhnliche und doch so seltsame
Ding, das wir Raum nennen? Was bedeutet dieses Mysterium,
das so allgemein bekannt und doch so gänzlich unerkennbar
ist? Ist es weder Nichts noch Etwas, weder Modus noch
Substanz, weder Geschöpf noch Gott?" Alle diese Bestim-
mungen können ihm weder abgesprochen, noch können sie
ihm in ihrer Gesamtheit zuerkannt werden, ohne es damit
zu einer absurden Mischung widerstreitender Merkmale zu
machen. ,,So lernen wir durch alle unsere mühsamen und
beschwerlichen Beweise zuletzt nur die Schwäche unserer
eigenen Vernunft kennen. Eine alltägliche und jedermann
bekannte Idee, in der alle Welt übereinzustinmien scheint.
») Cudworth, The True Intellectual System of the Unlverse.
London 1678, foJ., Book I, chap. IV; p. 769/70.
454: Edmund Lato.
ist es, die zuletzt alle unsere philosophischen Systeme be-
schämt: wir versinken in den Abgrund des unendlichen und
ewigen Raumes und unser Denken verliert und begräbt sich
in ihrni)/'
Das einzige Mittel, um einen Rückweg aus dieser Skepsis
zu finden, schien in der psychologischen Besinnung auf den
Ursprung und die Entwicklung der Raumvorstellung zu
liegen. Um diese Aufgabe zu lösen, knüpft E d m u n d
Law in seiner „Untersuchung über die Ideen des Raumes
""KTi3''''der Zeit, der Unermeßlichkeit und der Ewigkeit" an
Lockes Kritik des Unendlichkeitsbegriffs an. Das ist der
Grundirrtum, den die Gegner der relativistischen Theorie
begehen: daß sie in der Unendlichkeit des Raumes und
der Zeit den Beweis für ihr absolutes und transzendentes
Sein erblicken. Weil Ausdehnung und Dauer der Größe
nach alle unsere endliche Fassungskraft übersteigen, darum
sollen sie uns — wie z.B. Raphson argumentiert hatte —
auch in ihrer inneren Wesenheit unbegreiflich sein^). In
Wahrheit ist der Schluß, der hier versucht wird, umzukehren:
eben die Grenzenlosigkeit des Raumes und der Zeit gibt uns
die sichere Gewähr dafür, daß wir es in ihnen nicht mit
Dingen, sondern mit Ideen des reinen Ver-
standes zu tun haben. Von Schranken der räumlichen
oder zeitlichen Ausdehnung zu sprechen, ist somit freilich
ein Widerspruch: aber nicht deshalb, weil eine falsche objektive
Behauptung über die Natur der Dinge darin läge, sondern
weil es eine Verkennung unseres Intellekts und seiner
Grundfunktionen bedeuten würdc^). Alles Existierende ist
^) Isaac Watts, A fair Enquiry and Debate concerning
Space (vgl. ob. S. 449, Anm. 1), Sect. VI, p. 20 f.
a) Raphson, De Spatio Reali, Cap. V, S. 78: „Spatium est
nobis incomprehensibile. Ex eo patet, quod infinitum est."
2) „And this very thing demonstrates that they are nothing but
Ideas of pure intellect and have no regard to the Existence of any
external Object and that therefore to limit them is to destroy one of
our Faculties, viz. that of Numbering. The Reason then of their In-
definiteness is with me not „because in their real existent Natures
they are necessarily infinite'', but quite the reverse viz. because they
have no real existent Nature at all.*" (Edmund Law, An enquiry
Psychologie und Oniologie. 455
in sich bestimmt und abgeschlossen: nur unser Denken
ist es, das über jeden erreichten Punkt immer wieder hinaus-
drängt und das damit der Grund und Quell für jegliche Art
der Unendlichkeit wird. Die Frage ist hier von der spekulativen
Theologie und Mystik wiederum auf ihren eigentlichen er-
kenntniskritischen Grund und Boden zurückgeführt; die
Geltung und die Notwendigkeit, die wir dem Räume
und der Zeit zusprechen, ist nicht irgendwie in den Dingen
als solchen, sondern in unserem Begreifen der Dinge zu
gründen.
Es ist in der Tat — wie nunmehr im einzelnen dargetan
wird — das alte ontologische Vorurteil, das das Fest-
halten an den Begriffen des absoluten Raumes und der ab-
soluten Zeit verschuldet. Aus der Beschaffenheit unserer
Ideen glaubt man unmittelbar auf die Existenz und Be-
schaffenheit der Sachen schließen zu dürfen Von der Vor-
stellung zum absoluten Sein aber führt keine Brücke und
kein logisches Verbindungsglied. Alle notwendige Verknüp-
fung bezieht sich, wie Law unter Berufung auf Locke aus-
führt, zuletzt auf das Verhältnis der Ideen selber, nicht auf
eine Beziehung, die zwischen irgendeiner Idee und ihrem
äußeren Gegenstand besteht. Die Bedeutung und der
Wert aller unserer Wahrheiten ist also immer nur in der
inneren Übereinstimmung der Begriffe untereinander zu
suchen, nicht aber an den dinglichen ,, Originalen" zu messen,
die ihnen etwa entsprechen mögen. ,,Hier sind wir gezwungen
— so bemerkt Law in voller Klarheit gegen C 1 a r k e und
seine Anhänger — nicht nur in unserer Auffassung von Raum
und Zeit, sondern auch in den ersten Prinzipien und Grund-
lagen der Erkenntnis, ja in unserem Begriff der
Erkenntnis selber von unseren Gegnern abzu-
weichen^)." Wir wissen nur, daß wenn unseren Ideen
into the ideas of Space, Time, Immensity and Eternity (1734) (vgl.
S. 449, Anm. 1), Ch. I, S. 32.)
*) „I am sorry to find that we are obliged to differ from this
celebrated Writer, not only in the subjects of Space and Time, but
in the first Principles and Foundations of Knowledge, nay in our very
Notion of Knowledge itself. He seems . . . to place it in a connection
456 Edmund Law.
objektive Gegenstände entsprechen, diese auch all die Be-
schaffenheiten und Verhältnisse zeigen müssen, die wir aus
der Betrachtung der Begriffe als notwendige Folgerungen
abgeleitet haben; ob aber dieser Fall eintritt, ob die Be-
dingungen, für die dieses hypothetische Urteil gilt, sich je-
mals ganz verwirklicht finden, läßt sich niemals mit un-
bedingter Sicherheit entscheiden. ,, Sucht man somit die
wirkliche oder mögliche Existenz eines Dinges aus dem Be-
griff, den wir von ihm in unserem Geiste haben, zu be-
weisen, so heißt dies einen falschen Maßstab der Wahrheit
voraussetzen." Zwischen der idealen und realen Existenz
besteht niemals die gleiche Verknüpfung, wie sie zwischen
den Gliedern einer logischen oder m.athematischen Schluß-
folgerung besteht. Das Dasein des Raumes ist in seiner
Vorstellung nicht im gleichen Sinne enthalten, wie der
Begriff der ,,Vier" in dem Produkt aus Zwei und Zwei
enthalten ist: wir können die Verbindung beider in Gedanken
aufheben, ohne daß der geringste logische Widerspruch
sich bemerkbar macht^). Zwar mögen wir immerhin aus
unserer Perzeption auf eine äußere Ursache schließen, die
sie hervorbringt; aber wir bleiben alsdann auf den Inhalt
dessen beschränkt, was uns unmittelbar in der Wahrnehmung
gegeben und durch sie bezeugt wird. Sobald wir diesen Inhalt
begrifflich zu bearbeiten beginnen, sobald wir ihm irgend
etwas hinzufügen oder etwas von ihm wegnehmen, haben
wir es fortan lediglich mit einem Gebilde des Geistes zu tun,
between Ideas and certain Ideata, or real Existences; we, with Mr.
Locke, must place it in a perceiving a connection between our Ideas
themselves, and can carry it but a little way into real Existence.*'
(Law, a. a. O., Ch. I, p. 5.)
i> ,,To prove therefore either the actual or possible Existence
of Things from the Conceptions which we have of them in Our Minds,
is, in my opinion, setting upa false Standard of Truth...
Is Existence ad extra as clearly implied in the Idea of Space, as four
is implied in the Idea of twice two ? Can I be as sure of the Exi-
stence ofa Triangle, as I am of some of its P r o p e r t i e s ? Or
do I as plainly perceive thac there is a perfect Square or Globe in Na-
ture, as that a Square is not a Globe?" (Law, a. a. O., p. 6f. ; vgl.
bes. p. 46 f.)
Die Idealität von Raum und Zeit. '457
für welches kein sachliches Korrelat zu fordern und zu
suchen ist^).
Was nun insbesondere die Begriffe des reinen Raumes
und der reinen Zeit betrifft, so ist es klar, daß zwar die erste
Anregung zu ihrer Bildung von außen durch den Ein-
druck, den die Körper auf unsere Sinne ausüben, stammen
mag, daß aber ihr eigentlicher Gehalt lediglich im In-
tellekt seinen Ursprung hat. Denn beide sind die Muster
relativer Ideen: jede Beziehung aber bringt zu dem
verglichenen Inhalt etwas hinzu, was nicht in ihm selber
liegt, sondern lediglich unserer denkenden Betrachtung an-
gehört. Das ,,Sein", das wir der Ausdehnung und der
Dauer zusprechen, wurzelt zuletzt in dem geistigen Akt
der Vergleichung und Verhältnissetzung und müßte, so-
bald wir diesen aufgehoben denken, in Nichts zerfallen^).
Auch die Folgerung, daß mit dieser Relativierung des Raumes
und der Zeit auch die empirische Körperwelt betroffen
und ihrer unabhängigen Existenz beraubt würde, darf uns
nicht beirren und ablenken. Daß das Universum ,,im Räume
existiert**: dies bedeutet nichts anderes, als daß wir es in
unserer Anschauung auf ein bestimmtes Modell, das wir in
unserem Geiste tragen, beziehen. ,,Wir haben die abstrakte
Vorstellung eines solchen Modells und eines solchen allge-
meinen Behältnisses, und wenden sie sodann auf die Körper-
welt oder vielmehr auf unsere Vorstellung der Körperwelt an.
Das ideale Universum hat, mit anderen
Worten, einen idealen Ort in unserem
Geiste und nicht mehr 3)." Und es wäre irrig an-
zunehmen, daß unser Wissen mit dieser Einsicht irgend
1) A. a. O., Cn. I, S. 10 f.
2) „All relative Ideas are Comparisons made only by Men*s
Thoughts and are Ideas only in Mens Minds and of consequence neither
have nor can be supposed to have any external Archetypes." A. a. O.,
Ch. I, S. 36.
*) „When the Universe exists in Space, we really mean no more
than this, that we refer it to a certain Standard or receptacle lodged in
our Mind. We have an abstract idea of such a capacity, which we
apply to it, or rather to our Idea of it: that is, the ideal Universe has
an ideal Place in our Minds and nothing more." (S. 72.)
458 Edmund Law.
etwas von seinem Wert und seiner objektiven Gültigkeit
einbüßte. Sind Raum und Zeit nichts Wirkliches — so hatten
die Anhänger Newtons argumentiert — so fallen damit auch
alle örtlichen und zeitlichen Unterscheidungen da-
hin, so müssen wir jeder bestimmten Gliederung und Ordnung
der Phänomene verlustig gehen. Die Wände eines leeren
Gefäßes müßten sich alsdann, da sie durch nichts Reales
getrennt wären, unmittelbar berühren; die Grenzen des zeit-
lichen Geschehens müßten sich verwischen und jede Differenz
des Früher oder Später aufgehoben sein^). Auf diesen selt-
samen Einwand entgegnet Law wiederum mit einer schärferen
erkenntniskritischen Bestimmung des Begriffs der Rela-
tion. Raum und Zeit sind ideale Verhältnisbegriffe, die
uns aber eben kraft dieser Grundeigenschaft dazu dienen,
die Inhalte, die uns gegeben werden, in feste Formen zu
fassen und sie in bestimmter Weise zu gliedern. Wir haben
es in ihnen nicht mit Bildern von Dingen, sondern mit reinen
Maßbegriffen zu tun, die wir zur Gestaltung des empirischen
Stoffes anwenden. Wie die Begriffe der Zahl und der
Quantität, der Ordnung und der Qualität
keine für sich bestehenden Existenzen sind; wie sie aber
nichtsdestoweniger die Voraussetzungen bilden, ohne welche
wir über Dinge weder sprechen noch an sie denken
könnten: so gilt das Gleiche für Ausdehnung und Dauer.
Ihre Idealität beeinträchtigt nicht im mindesten die reale
Leistung, die ihnen für den Aufbau und das System unserer
Erkenntnis zukommt. So bildet etwa der Wert, den wir
zwei Dingen relativ zu einander zusprechen, nicht noch ein
eigenes Etwas neben den verglichenen Inhalten und dient
trotzdem dazu, sie tatsächlich zu unterscheiden und in unserer
Schätzung auseinanderzuhalten: ein Pfennig und ein Shilling
sind nicht dasselbe, wenngleich es niemand einfallen
wird, den Preis der Gegenstände selbst wiederum zu einem
besonderen Gegenstande eigener Art zu hypostasieren'').
^) S. hrz. Jackson, The Existence and Unity of God (vgl.
S. 449, Anm. 1), S. 57 f.
*) „Our Author might as well argue for the Reality of Price,
Weight, etc. because if these were nothing, there would be nothing
Raum und Zeit als Relationshegriffe. 459
Müssen wir daher — wie Law zugesteht — alle empirischen
Veränderungen, die uns entgegentreten, auf die Idee der
reinen gleichförmigen Zeit als Grundnorm beziehen,
so enthält doch diese Beziehung keinerlei Nötigung zur Setzung
eines neuen metaphysischen Seins^). Die Erfahrung und die
Wissenschaft zum mindesten vermögen diesen Schritt niemals
zu rechtfertigen. Wenn der Physiker vom Unterschiede
,, wahrer" und , »scheinbarer", ,, absoluter" und , »relativer"
Bewegung spricht, so besitzt er hierzu, auf dem Standpunkt,
auf dem er steht, das volle Recht. Denn zergliedern wir
derartige Aussagen, so finden wir, daß mit ihnen zuletzt
nichts anderes gemeint ist, als die Gegenüberstellung ver-
schiedener Bezugssysteme, deren einem wir eine
größere ,, Allgemeinheit" als dem anderen zuschreiben. Wir
können die Bewegung eines Körpers, wie sie sich von dem
Standort eines zufälligen Beobachters ausnimmt, von seiner
,, wahren" Bahn, die ihm etwa mit bezug auf die Sonne zu-
kommt, unterscheiden: aber wir müssen uns darüber klar
werden, daß \vir — so bedeutsam diese Unterscheidung für
unsere physikalische Erkenntnis sein mag — - doch im
logischen Sinne aus dem Kreise der Relativität niemals
heraustreten. Was sich hier ergibt, sind gleichsam nur verschie-
dene, einander übergeordnete Relationsschichten, während der
Gedanke, damit dereinst zur metaphysischen Überwindung jeg-
licher Relation überhaupt zu gelangen, ein bloßes Tru gbild wäre ^) .
to determine the diffcrent Value, or Gravity of things. The Idea of
Space is indeed a very convenient M e a s u r e set up to determine
the Relation?, of things and a more general extensive one than most
others, but (this proves not) its Reality ad extra any more than the
Reality of these and some other ideal Measures, such as
Number,Quantity, Order, Quality, Station etc.,
without which we can hardly teil how to speak
or think of things at all; but yet few are so far gone in
the visionary way as to believe them to be real Existences, to be any
thing but abstract Notions of our own inventing.'* (Law, a. a. O.,
Chap. I, S. 75; vgl. Chap. II, S. 86.)
0 Chap. 2, S. 83.
2) „Real or absolute Motion is allowed in the physical Meaning
as opposed to a particular Relative one . . . But this has nothing to
460 Edmund Law.
Wenn also die Notwendigkeit und Unab-
hängigkeit, die die Ideen des Raumes und der Zeit
besitzen, zum Beweis dafür angerufen werden, daß beiden
ein konstantes sachliches Urbild entsprechen muß, so
sehen wir jetzt die ganze Schwäche dieses Schlusses klar vor
uns. Das ,, Original" für die exakten mathematischen Be-
griffe der Ausdehnung und der Dauer ist freilich nicht in
den konkreten empirischen Einzelobjekten zu suchen; aber
statt hieraus zu folgern, daß wir, um es zu finden, zu einem
höheren göttlichen Sein hinausgehen müssen, sollten wir
umgekehrt begreifen, daß wir es hier überhaupt nicht mit
irgendeinem Zwang der Gegenstände, sondern ledig-
lich mit der Notwendigkeit unseres Denkens zu tun haben^).
Um diese letztere zu erklären aber sieht sich Law auf
die Hülfsmittel von Lockes Psychologie hingewiesen.
Sind Raum und Zeit Gebilde des Geistes, so müssen sie sich
in ,, Sensation" und ,, Reflexion" begründen lassen, so muß
ihre Entstehung aus der bloßen Verknüpfung der ein-
fachen Eindrücke zu begreifen sein. Den Grund für die
Objektivität, die sie für sich in Anspruch nehmen, haben
wir somit nicht in der Physik, sondern zuletzt in der Assozia-
tionspsychologie zu suchen. Sie sind, wie alle ,, abstrakten"
Begriffe, nicht sowohl Schöpfungen der Vernunft, als
der E i n b i 1 d iin_g skr af t , die sich uns nur kraft einer
langeir~Üirwt5Tinmig mit~einem so unwiderstehlichen Zwange
aufdrängen, daß wir sie als wahrhafte Naturerscheinungen
mißverstehen^). Wir treiben irgendeine Beziehung, die wir
do with the metaphysical Sense of these Words, i. e. as opposed to
all Kind of relation." Ch. I, S. 69.
1) „His great Difficulty is to conceive how it should become
necessary, infinite, and independent ... He concludes therefore that
it is not a Property of the (material) things; very true: and
> therefore that we are under a Necessity of conceiving it to be a Pro-
] perty of some other Thing infinite and independent: q u i t e
/ the Contrary. Therefore we are under a Necessity of conceiving
it to be, what it really is and what we ourselves have
\y m a d e i t , viz. an abstract idea." (S. 80.)
2) G u s t o m may render it so familiär to us, that we shall at
length mistake this Imagination lor an Appearance of Nature and.
Raum und Zeit als Gebilde der „Einbildungskraft*'. 461
einmal an den Körpern wahrgenommen haben, über jegliche
Grenze der möglichen Beobachtung hinaus. Weil wir irgend-
ein Verhältnis bald an dieses, bald an jenes Subjekt gebunden
fanden, lösen wir es von jeglicher Bindung überhaupt los
und machen es zum substantiellen Sein. Wenn man von
Raum und Zeit gesagt hat, daß sie die Ursache, der sie ihre
Entstehung verdanken, übersteigen und ,,transzendieren",
so gilt das Gleiche, schärfer betrachtet, für jede unserer
gedanklichen Schöpfungen. Nur bei den zufälligen Assozia-
tionen, die keine Gelegenheit hatten, sicti zu wiederholen
und fester ineinander zu wachsen, gelingt es uns hie und da,
die Fäden, die die Erfahrung geknüpft hat, wieder zu lösen,
während in allen anderen Fällen das bloße ständige Beisammen
der Ideen gleich einer Naturkraft wirkt, die sie unaufheblich
aneinander kettet. ,,Was uns einmal lange Zeit hindurch
dauernd entgegengetreten ist, das geht in alle Kategorien
unseres Denkens ein und wird zum Fundament für das ge-
samte System unserer Erkenntnis. Wir rufen sogleich aus,
daß mit seiner Aufhebung der Bau der Erkenntnis selber
untergraben werde, daß es die Wahrhaftigkeit unserer geistigen
Vermögen leugnen und alle Evidenz, Wahrheit und Gewiß-
heit aufheben heiße, wenn man ihm sein Recht bestreite.
Auf diese Art geschieht es oft, daß Ideen, ob wir es wollen
oder nicht, auf unseren Geist eindringen und in ihm haften.
Die Einbildungskraft wird von diesen unruhigen Geistern
heimgesucht und vermag sie nicht sogleich von sich zu weisen;
denn sie durch Beweisgründe bannen zu wollen, würde nicht
mehr helfen, als wollte man jemand, der Gespenster sieht,
durch vernünftige Schlußfolgerung überzeugen. Es ist ein
sehr falscher Satz, daß die Einbildungskraft das, was sie
einmal geschaffen hat, ebenso leicht auch wieder zu ver-
nichten vermag. Die Tatsachen und die Erfahrung beweisen
das Gegenteil und lehren uns, daß auch für die Philosophen
like that too, it will force itself upon us, whether we will or no.
The Ideas (of Space and Time) were relative oiies, tho' we can easily
carry them not by Reason and Proof, but by the
Power of Imagination far beyond their original Ide-
a t a." Ch. I. S. 11 ff.. 21 f.
462 Edmund Law.
gilt, was man gemeinhin von den Zauberern und Beschwörern
sagt: sie werden die Geister nicht los, die sie selbst gerufen
haben!)."
Diese Sätze — die mehrere Jahre vor dem Erscheinen
von H u m e s Treatise geschrieben sind und die daher zeigen,
wie sehr diesem Werk bereits der Boden bereitet war — be-
zeichnen deutlich die Grenzen der ,, relativistischen" Lehre.
So klar hier der ideale Charakter des Raumes und der
Zeit erfaßt war, so wenig gelang es, unter dieser Voraus-
setzung, die Allgemeingültigkeit und die Notwendigkeit dieser
Begriffe verständlich zu machen. Mit der Zurückführung
auf den Kreis der „Subjektivität" werden diese Gebilde
logisch entwurzelt; sie fallen der Gewohnheit und Willkür
anheim. Bedeuten aber der reine Raum und die reine Zeit,
wie die mathematische Physik sie zugrunde legt, wirklich
nichts anderes, als — ,, philosophische Gespenster"? Diese
Frage muß sich nunmehr unausweichlich erheben, und sie ist
es, die das Problem fortan nicht mehr zur Ruhe kommen
läßt. Solange der eigentümliche methodische Wert,
den Raum und Zeit gegenüber den Sinnesempfindungen be-
sitzen, nicht anerkannt, solange beide als Erkenntnis-
mittel nicht völlig gewürdigt waren: solange mußte immer
von neuem der Versuch gemacht werden, ihren Vorrang,
der sich nicht beseitigen oder abstreiten ließ, metaphy-
sisch zu begründen. Die Forderungen, die sich aus der
Grundlegung der exakten Wissenschaft ergaben, lehnten sich
immer wieder gegen die Ergebnisse der psychologischen
Zergliederung der Vorstellungen auf. Bloße Produkte der
,, Einbildung" können nicht die Grundlagen für die realen
Gesetze der Mechanik bilden, nach denen die Körper in ihren
Bewegungen sich richten. (Vgl. unten S. 476.) Oder gäbe
es ein Mittel, die Idealität von Raum und Zeit zu be-
haupten, ohne damit ihrer Objektivität Eintrag zu
tun? Die Antwort auf diese Frage war mit den Mitteln der
rein psychologischen Methodik nicht zu gewinnen. „Nach
allem mühsamen Forschen und Suchen — so schließt ein
1) Ch. I, S. 27 ff.; S. 29.
Idealität und Objektivität von Raum und Zeit. 463
Denker dieser Epoche seine Erörterungen — nachdem ich
mein ganzes Leben lang über diese Probleme gedacht und
gelesen habe, muß ich doch gestehen, daß hier noch manche
Schwierigkeiten und Dunkelheiten zurückbleiben, die wohl
dem Gegenstand selbst anhaften. Die Gelehrten haben seit
jeher und vor allem zu unserer Zeit daran gearbeitet, sie zu
zerstreuen, ohne daß es ihnen doch jemals ganz gelungen
wäre. Vielleicht aber findet sich in Zukunft ein Weg, auf dem
all diese Schwierigkeiten sich heben lassen und auf dem
sich die Frage zur größeren Befriedigung der Folgezeit ent-
scheiden läßt^)." Wie eine Voraussage der ,, Kritik der reinen
Vernunft" wirken diese Sätze, die, wie sich zeigen wird, in
einem anderen Gedankenkreis ihr genaues Analogon besitzen.
2. Das Raum- und Zeitproblem in der
Naturwissenschaft.
a) Newton und seine Kritiker.
So zurückhaltend Newton in der Aussprache der all-
gemeinen Folgerungen aus seiner Lehre von Raum
und Zeit ist: so entschieden fixiert er den Gehalt dieser Be-
griffe selbst, wo es sich darum handelt, lediglich ihren em-
pirisch-wissenschaftlichen Sinn und Gebrauch zu bestimmen.
Nicht in mühsamer Analyse werden diese Begriffe gewonnen,
sondern sie treten von Anfang an als die sicheren und frag-
losen Voraussetzungen vor uns hin, von denen alle Feststellung
von Bewegungserscheinungen abhängig ist. ,,Der absolute
Raum, der vermöge seiner Natur ohne Beziehung auf einen
äußeren Gegenstand besteht, bleibt stets gleich und un-
beweglich; der relative dagegen ist ein Maß oder ein be-
weglicher Teil des ersteren, welcher von unseren Sinnen
durch seine Lage gegen andere Körper bezeichnet und ge-
wöhnlich fälschlich für den unbeweglichen Raum selbst ge-
nommen wird . . . Weil die Teile dieses letzteren weder ge-
sehen, noch überhaupt sinnlich unterschieden werden können,
*) Isaac Watts, A fair Enquiry and Debate concerning
Space, Sect. XII, S. 45 f.
464 Newtons Grundlegung der Mechanik.
nehmen wir statt ihrer wahrnehmbare Maße an und bestimmen
alle Orte nach ihrer Lage und Entfernung von einem gegebenen
Körper, den wir als unbeweglich ansehen. So bedienen wir
uns statt der absoluten Orte und Bewegungen der relativen,
was auch für praktische Zwecke ausreicht: in der wissen-
schaftlichen Theorie aber müssen wir von den Sinnen ab-
sehen" (in Philosophicis autem abstrahendum est a sensibus^).
Somit beginnt die Grundlegung des Systems der Induk-
tion mit der Setzung eines Seins, das der Bestätigung und
Nachprüfung durch die unmittelbare Wahrnehmung
prinzipiell entzogen ist. So wichtig und folgenreich sich dieser
Zusammenhang für die künftige Entwicklung der Philo-
sophie erweisen sollte, so unlösbare Schwierigkeiten bietet
er uns auf dem Standpunkt dar, auf dem wir hier stehen.
In der Tat, was bedeuten R a u m , Z e i t und Bewegung,
wenn man die Forderung der reinen ,, Beschreibung*' der
Tatsachen, wie sie von Newton und seiner Schule gestellt
worden war, in aller Strenge aufrecht zu erhalten sucht?
Was die Beobachtung uns darbietet, sind niemals Punkte
oder Abstände des reinen Raumes oder der reinen
Zeit, sondern nur irgendwelche physische Inhalte,
die in räumlichen und zeitlichen Verhältnissen stehen. So
löst sich alles Wissen von den örtlichen und zeitlichen Be-
stimmtheiten des Seins durchweg in Relationen auf. Nach
einem Sein des Raumes außerhalb dieser wahrnehmbaren
Beziehungen der Körper scheint jede Frage verwehrt.
Wenn dennoch der absolute Raum, obgleich er uns niemals
in irgend welcher W^eise gegeben werden kann, als un-
entbehrliches Prinzip der Mechanik bezeichnet wird, so ist
es also irrig, daß die Erfahrung die Grenze für den In-
halt all unseres Wissens bildet; — so ist in die Fundamente
der mathematischen Physik selbst* ein ,, metaphysischer"
Begriff eingesenkt. Damit aber wäre die Kraft der reinen
Induktion, wie Newton sie verstanden und verkündet hatte,
bereits gebrochen. Von den methodischen Regeln, die er
^) Newton, Philosophiae naturalis principia mathematica
(Scholium zur 8. Definition).
Berkeleys Kritik der Newtonischen Grundbegriffe. 465
der Forschung vorhält, verlangt die erste, keine anderen
als ,, wahren Ursachen" zuzulassen, d. h. solche, die sich in
der Erklärung der Phänomene bewähren^). Die Existenz
des absoluten Raumes und der absoluten Zeit aber ist in
diesem Sinne keine ,,vera causa": keine Naturerscheinung
kann uns von ihr sichere Kunde verschaffen, keine Er-
fahrung kann sie rechtfertigen oder widerlegen.
In diesem Widerstreit liegt die Krise der Newtonischen
Erfahrungstheorie: und hier setzen denn auch die Einwände
der Gegner immer von neuem ein. Man begreift es, daß
B e r k^eXp y sich berufen glaubte, die empirische Grund-
legung der Wissenschaften, die er hier bedroht sah, wieder-
herzustellen und von neuem in ihrer Einheit und Geschlossen-
heit aufzurichten. Die Kritik der Raumlehre wurzelt bei
ihm, gleich der der höheren Analysis, in der Polemik gegen
die abstrakten Begriffe. Der Begriff des absoluten Raumes
entsteht uns, indem wir eine einfache Eigenschaft, die die
Wahrnehmung uns an den Körpern darbietet, von den be-
gleitenden Umständen, unter denen sie uns jederzeit entgegen-
tritt, loslösen und mit ihr wie mit einem selbständigen Inhalt
schalten. Ist einmal die natürliche Einheit der Erfah-
rung in dieser Weise zerschnitten, so vermag freilich keine
logische Bemühung mehr, ihre Bestandteile wiederum zu
verknüpfen und deren gegenseitiges Verhältnis widerspruchslos
zu bestimmen. Was in Wahrheit nur ein Einzelmoment ist,
das wir aus dem empirischen Objekt willkürlich heraus-
greifen, das wächst nunmehr zu einem unbedingten Sein
heran, das den Erfahrungsgegenständen in tatsächlicher
Wirklichkeit vorangeht und das ihnen mit der Geltung
einer ,, höheren" und notwendigen Existenz gegenübertritt.
Die ,, existierenden Undinge" des , »leeren Raumes" und der
„leeren Zeit" aber müssen vor der psychologischen Analyse,
die die Entstehung dieser Vorstellungen bloßlegt, alsbald
in nichts zerfallen. ,, Stellen wir uns vor, daß alle Körper
zerstört und vernichtet werden: so wird das, was alsdann
0 S. die „Regulae philosophandi", zu Beginn des dritten Buches
der mathemat. Prinzipien der Naturlehre.
n 30
466 Berkeleys Kritik der Newtonischen Orundhegriffe.
zurückbleibt und worin, zugleich mit den Körpern selber,
auch jede Beziehung der Lage und Entfernung der
Körper aufgehoben ist, der absolute Raum genannt.
Nun ist dieser Raum unendlich, unbeweglich, unteilbar und,
da jede Möglichkeit der Beziehung und Unterscheidung in
ihm aufgehört hat, kein Gegenstand der Wahrnehmung.
Alle seine Attribute sind, mit anderen Worten, privativ oder
negativ; er scheint somit eiii__bloßes— Nichts zu bedeuten.
Die einzige Schwierigkeit besteht darin, daß er ausgedehnt
ist und daß die Ausdehnung doch eine positive Beschaffen-
heit darstellt. Aber welch eine Art Ausdehnung ist es auch,
die weder geteilt noch gemessen werden kann und von der
kein Teil sich sinnlich wahrnehmen oder in der Vorstellung
erfassen läßt! . . . Prüft man eine derartige Idee genau —
wenn anders man sie eine Idee nennen kann — so sieht man,
daß sie die vollkommenste Vorstellung des Nichts ist, die
man sich denken kann.'* Und auch die psychologische Illusion,
die uns immer wieder an diesen Scheininhalten festhält, läßt
sich nunmehr leicht durchschauen. Das wahrnehmende
Subjekt glaubt in seiner Abstraktionstätigkeit von allen
materiellen Inhalten überhaupt abgesehen zu haben: und
es hat in Wahrheit nur die Außendinge aufgehoben,
während sein eigener Leib, in seinem stofflichen Dasein, ihm
zurückgeblieben ist. So schleicht sich auch dort, wo wir
meinen, die gesamte Körperwelt hinter uns gelassen zu haben,
doch immer wiederum ein sinnlich-empirisches Datum ein,
auf das wir uns unbewußt stützen, wenn wir fernerhin die
Möglichkeit räumlicher Vergleichung und Unterscheidung
behaupten. Unser Körper bietet uns in der Lage und Gliede-
rung seiner Teile den unentbehrlichen Anhaltspunkt und das
notwendige Bezugssystem, das wir zugrunde legen
müssen, um von örtlichen Bestimmungen und Veränderungen
zu sprechen^). Auch die Betrachtung der dynamischen
Beziehungen und Grundgesetze vermag an der allgemeinen
Entscheidung nichts zu ändern: bedeuten doch die obersten
^) Berkeley, De motu (1721), § 53 — 55; Principles of human
knowledge, § 116.
Das Beharrungsprinzip und der Fixsternhimmel. 467
Regeln der Mechanik, wie etwa das Trägheitsprinzip, nichts
anderes, als die Verallgemeinerungen bestimmter tatsächlicher
Beobachtungen und können als solche kein Moment in sich
enthalten, das nicht mittelbar oder unmittelbar in der Er-
fahrung wurzelt und sich in ihr belegen läßt. Die Behauptung,
daß jeder sich selbst überlassene Körper in seinem Zustand
der Ruhe oder der gleichförmigen geradlinigen Bewegung
verharre, verliert nichts von ihrer Geltung, wenn wir die
Fortbewegung des Körpers, statt sie auf den ,, absoluten
Raum** zu beziehen, an seiner Lage gegen den Fixstern-
himmel messen^). Als ein Mangel kann diese An-
nahme eines besonderen, materiellen Koordinatensystems,
dessen wir uns zur Formulierung der Bewegungsgesetze be-
dienen, nur dann erscheinen, wenn man die jederzeit bedingte
und empirische Gültigkeit, die diesen Gesetzen selbst zukommt,
noch nicht durchschaut hat und von ihnen fälschlich eine
unbedingte logische Notwendigkeit verlangt. So wenig
Berkeley hier den tieferen rationalen Motiven der Newtoni-
schen Begriffe gerecht geworden ist, so hat er doch in diesen
letzten Sätzen wiederum ein allgemeines philosophisches
Problem gestellt, das fortan der Lösung durch die wissen-
schaftliche Mechanik harrte. Die Fortbildung, die die Lehre
Newtons innerhalb seiner Schule, und insbesondere durch
geinen bedeutendsten und originalsten Schüler, durch L e o n -
hard Euler erfährt, nimmt auf Berkeleys Einwände
überall stillschweigend Bezug und gelangt erst kraft dieses
Gegensatzes zur eigenen Reife und Sicherheit.
Und noch ein änderer Zug, der für die Weiterentwicklung
des Problems bedeutsam werden sollte, tritt in Berkeleys
Kritik charakteristisch hervor. Er selbst hält seinen Aus-
führungen entgegen, daß der reine Raum und die reine Zeit,
wenngleich sie keine Objekte der Sinnesempfindung
und der Einbildungskraft sind, darum doch nicht
auf ursprüngliche und notwendige Geltung zu verzichten
brauchten, sofern sie als Gebilde und Erzeugnisse des
,, reinen Verstandes*' aufgefaßt und gerechtfertigt
1) De motu, § 64 f.
30»
468 Berkeley und Leibniz.
werden könnten. Aber er zieht diese Möglichkeit nur in
Erwägung, um sie alsbald von sich zu weisen. Der reine
Verstand hat es lediglich mit geistigen und unausgedehnten
Dingen zu tun; sein Gebiet liegt somit gänzlich j enseits
der Sphäre, an die Raum und Zeit kraft ihrer Natur gebunden
bleiben^). Der Ort sowohl wie die Dauer und die Bewegung
haften den materiellen Körpern an und nehmen an all ihren
Bestimmungen teil; sie gehören somit ihrem ganzen Inhalt
nach der Welt des Stoffes an, die wir nur sinnlich zu
erfassen vermögen. Die Schrift ,,de Motu", die die Polemik
gegen Newtons Raum- und Zeitlehre enthält, bedeutet für
die eigene philosophische Entwicklung Berkeleys einen ent-
scheidenden Wendepunkt. Sie steht genau an der Grenz-
scheide zwischen der ersten Epoche, die auf die sensua-
listische Ableitung des- Wissens ausging und der späteren
Fortbildung der Lehre, die rein auf den Ausbau einer spiri-
tualistischen Metaphysik gerichtet ist. Beide Tendenzen
müssen sich nunmehr zur Bekämpfung der Grundbegriffe
der mathematischen Physik vereinen. Wenn es sich zuvor
gezeigt hatte, daß diese Begriffe in keiner sinnlichen ,,Per-
zeption" wurzeln, — so erweist es sich andererseits, daß
sie mit der Welt des Sinnlichen dennoch zu eng verflochten
sind, als daß es gelingen könnte, sie jemals zum Inhalte einer
rein ,, geistigen" Betrachtung und Erwägung zu machen«
Raum und Zeit beziehen sich, samt allen übrigen ,, mathe-
matischen" Prinzipien, lediglich auf jenen Umkreis empirisch-
wahrnehmbarer Erscheinungen, den Berkeleys Spiritualismus
zu verlassen und zu überfliegen strebt; sie können somit
nicht an der höchsten ,, intellektuellen" Gewißheit t€ilhai)en,
die vielmehr nur den metaphysischen Begriffen, den Be-
griffen der Substanz und der Ursache vorbehalten
bleibt. (S. hrz. ob. S. 323 ff.)
An diesem Punkte zeigt sich der ganze Gegejisatz von
Berkeleys und Leibniz^ Kritik der Newtonischen Prin-
zipienlehre. So senr Deide, auf den ersten Blick, auf das
gleiche sachliche Ziel gerichtet scheinen, so sehr werden sie
1) De motu, § 53; vgl. ob. S. 323, Anm. 3.
Der absBltUe und der intelligible Raum. 469
in ihrer Prüfung und Untersuchung von verschiedenen
methodischen Gesichtspunkten beherrscht. Die „Ab-
straktion", die für Berkeley der Quell des Irrtums ist, be-
deutet für Leibniz den Grund aller rationalen und wissen-
schaftlichen Einsicht. Indem der reine Raum und die reine
Zeit als abstrakte Begriffe bezeichnet werden, indem
ihnen also jede gesonderte dingliche Existenz abge-
sprochen wird, wird ihnen doch eben damit im System der
Erkenntnis der höchste Rang zugewiesen. Jetzt erst,
nachdem wir sie von den konkreten Einzelgegenständen,
die uns durch die Empfindung gegeben werden, deutlich
gesondert haben, erkennen wir ihre begriffliche Allgemeinheit
und Notwendigkeit. Der Begriff der unendlichen und stetigen
Ausdehnung, wie der streng gleichförmig verfließenden Dauer
entsteht uns nicht, indem wir ihn aus vereinzelten Beobach-
tungen zusammenlesen, sondern er bedeutet eine ursprüngliche
gedanklicheNorm, die wir aus ,,uns selbst" schöpfen,
um sie den Tatsachen entgegenzuhalten. So gewinnen Raum
und Zeit, was sie an aktuellem gegenständlichen Sein ein-
gebüßt haben, an idealer Wahrheit zurück. Sie bilden, in
Gemeinschaft mit den mathematischen Folgebegriffen, die
sich aus ihnen ergeben, die „ewigen Wahrheiten", die von
keinem empirischen Phänomene jemals verletzt werden
können, — die vielmehr die Regeln sind, nach denen wir
ein bestimmtes Phänomen, das uns sinnlich gegeben ist, als
,, wirklich" bezeichnen oder aber als bloßen Schein verwerfen.
(S^ ob. S. 160, 175 f.) Die Bezeichnung des Raumes und der Zeit
als der Ordnungen des Neben- und Nacheinander gibt
das Doppelverhältnis, in dem sie zu den Empfindungen
stehen, charakteristisch wieder. Denn so wenig die ,, Ordnung"
an sich etwas außerhalb der Inhalte ist, auf die sie sich bezieht:
so sehr sind doch diese inhalte lediglich dadurch bestimmt,
daß sie nicht chaotisch durcheinanderliegen, sondern eine
allgemeine ^^setzliche ^Gliederung in sich darstellen. So
scharf und unablässig Ceibniz daher das absolute selbständige
Dasein von Raum und Zeit bestreitet, so wenig verkennt er
die 1 o g i s c h e Sonderstellung, die beide Begriffe einnehmen.
,,Eine Pblge von Vorstellungen" — so führt er speziell für
470 Leibniz' Kritik der Newtonischen Begriffe.
den Begriff der Zeit in den ,,Nouveaux Essais" aus — er-
weckt in uns die Idee der Dauer, aber sie macht nicht das
Wesen dieser Idee aus. Unsere Vorstellungen besitzen niemals
eine hinreichend konstante und gleichförmige Folge, um dem
Begriff, der Zeit zu entsprechen, die, gleich der geraden
Linie, ein einfaches und gleichförmiges kontinuierliches Ge-
bilde ist. Der Wechsel der Vorstellungen bietet uns Anlaß,
den Gedanken der Zeit zu fassen, und wir messen sie durch
gleichförmige Veränderungen; aber selbst wenn es keinerlei
gleichförmiges Geschehen in der Natur gäbe, so würde nichts-
destoweniger die Zeitfolge der Ereignisse bestimmt bleiben,
wie auch der Ort bes.timmt bliebe, selbst wenn es keinen
festen und unbeweglichen Körper gäbe. Denn da man die
Regeln der ungleichförmigen Bewegungen kennt, so kann
man sie immer auf intelligible gleichförmige
Bewegungen beziehen und dadurch das Ergebnis
der Verknüpfung verschiedener Bewegungen vorausbestimmen.
In diesem Sinne ist denn auch die Zeit das Maß der Bewegung,
das heißt die gleichförmige Bewegung ist das Maß der un-
gleichförmigen."^) Der Kernpunkt der Leibnizschen Kritik
tritt in diesen Worten deutlich hervor: was Newton als ein
Absolutes ansah, das verwandelt er in ein ,,Intelligibles".
Raum und Zeit sind ,, Ideen des reinen Verstandes 2)'*, die
als solche die Grundlagen exakter Definitionen und streng
deduktiver Beweise bilden können, aber trotz dieses ihres
rein gedanklichen Ursprungs bleiben sie in ihrer An-
wendung auf deh Bereich der empirischen Wirklichkeit
beschränkt. Sie über dieses Gebiet hinauszutreiben, sie als
Attribute Gottes oder irgend welcher immaterieller Sub-
stanzen denken, heißt ihnen all ihren realen Erkenntnis-
wert rauben und sie zum Herd unlösbarer Widersprüche
machen.
Die Einwände, die Leibniz und Berkeley gegen
Newtons Raum- und Zeitlehre und ihre metaphysischen
Folgerungen richten, messen — gerade wegen des weiten
1) Leibniz, Nouveaux Essais, Livr. II, Ghap. 14, § 16.
*) Leibniz, Nouv. Essais, Livr. II, Ghap. 5.
Das Raumproblem in der Philosophie und in der Physik. 471
Abstandes, der zwischen ihnen selber besteht — das Gesamt-
gebiet des Problems aus und stecken das Feld, auf dem die
Diskussion sich fortan bewegen sollte, bereits in allgemeinen
Umrissen ab. Der Kampf dauert fort und bestimmt immer
mehr das literarische und wissenschaftliche Gepräge der Zeit.
Die Streitschriften zwischen Leibniz und Clarke — von denen
Voltaire urteilt, daß sie vielleicht das schönste Monument
sind, das wir von einem literarischen Kampfe besitzen^) —
sind, nach dem Zeugnis eines Zeitgenossen, „in jedermanns
Händen^)'*. Und es handelt sich jetzt um keinen persön-
lichen Zwist der Parteien mehr, sondern um eine Schranke,
die die sachlichen Hauptgebiete und -Richtungen der wissen-
schaftlichen Kultur voneinander scheidet. Innerhalb der
mathematischen Naturwissenschaft bleiben die Newtonischen
Begriffe herrschend und errringen sich, mit dem endgültigen
Siege von Newtons physikalischen Theorien, ebenfMls un-
bestrittene Geltung. Die Lehrbücher der Mechanik setzen
diese Begriffe nunmehr als notwendig und unbezweifelbar
voraus: es ist charakteristisch, daß selbst die Phoronomie
Herrmanns, die überall sonst Leibniz nahe steht und
die ihm insbesondere im Kampf um das wahre Kraftmaß
verbündet ist, hiervon keine Ausnahme macht^). Auf der
anderen Seite vereint sich die Philosophie in ihren
extremsten Gegensätzen, vereinen sich der Rationalismus
der Wolffischen Schule und die französische Aufklärung
i) Voltaire, La m^taphysique de Newton ou Parallele des
sentiments de Newton et de Leibniz (Amsterdam 1740), Chap. II.
2) B 6 g u e 1 i n , Conciliation des idees de Newton et de Leibniz
sur l'espace et le temps (Hist. de l'Acad. Royale des Sciences et des
Beiles Lettres 1769), S. 346: ,,I1 seroit inutile de rapporter ici en detail
leur sentiments sur l'espace et le vide et d'6num6rer les arguments,
sur lesquels ils appuyoient leurs d^cisions: les ouvrages de ces illustres
Philosophes sont entre les mains de tout le mon.de et ces mati^.res ont
6t6 trop souvent d^battues et discut6es pour qu'il soit besoin de les
r6p6ter."
^) Herrmann, Phoronomia sive de viribus et motibus cor-
porum solidorum et fluidorum, Amstelod. 1726; weitere Beispiele bieten
die Lehrbücher von B o s s u t , Tratte ^16mentaire de möcanique et
de dynamique, Charleville 1763, p. IV, sowie von Marie, Trait6
de m^canique, Paris 1774, p. 2 f.
472 Leonhard Euler.
zur Abweisung der absoluten Realität des Raumes und der
Zeit^). Die Lösung dieser Divergenz konnte erst erfolgen,
nachdem sie zu scharfer und bewußter Aussprache
gelangt war. EsistLeonhardEuler, der diese Leistung
vollzieht und mit dem daher das allgemeine Problem in eine
neue Phase eintritt.
b) Die Fortbildung der Newtonischen
Lehre. — Leonhard Euler.
Die beiden Bestrebungen, die im Titel des Newtonischen
Hauptwerks nebeneinander stehen, finden in Euler ihre
typische Verkörperung er ist der eigentliche und klassische
Zeuge des Geistes der mathematischen Natur-
philosophie. Das Wort eines neueren Geschichts-
schreibers der Mathematik, daß ,,das wissenschaftliche Be-
wußtsein in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts am
vollständigsten durch Euler vertreten wird", gilt mehr noch
als für den Inhalt der sachlichen Probleme, die sich bei ihm
finden, für die methodische Art ihrer Auffassung und Be-
arbeitung. Die Magisterrede Eulers behandelt bereits die
naturphilosophische Grundfrage der Epoche, indem sie die
Prinzipien der Cartesischen und der Newtonischen Physik
mit einander vergleicht. Indem Euler weiterhin im Streit
der Differential- und Fluxionsmethode den Sieg der Leibnizi-
schen Rechnung entscheidet, sieht er sich hier auf eine prin-
zipielle Erörterung des Unendlichkeitsbegriffs hingedrängt,
1) Für die deutsche Philosophie vgl. besonders die interessante
Diskussion der Frage bei Ploucquet, Principia de substantiis
et phaenomenis, Frankf. u. Lpz. 1764, Cap. VIII u. Cap. XII, § 294 ff. —
S. ferner Christian W o 1 f f , Theologia naturalis, p. II, § 689; D a r j e s ^
Elementa Metaphysices (ed. nova, Jena 1753) Ontologia § GXXVIII
(Schol. 3) (gegen Keill); sowie Gottsched, Erste Gründe der
gesamten Weitweisheit (6. Aufl., Lpz. 1756, zuerst 1734), § 265. — Für
die französ. Philosophie siehe Gondillac, La logique (Oeüvr. XXII,
S. 196, und d'A 1 e m b e r t , Eclairciss. sur les Clements de Philo-
sophie, Gap. XVI. — Eine Ausnahmestellung in der Behandlung von
Raum und Zeit nimmt unter den Philosophen G r u s i u s ein. (Ent-
wurf der notwendigen Vernunftwahrheiten, 3. Aufl., Lpz. 1766, § 50 — 52.)
Der tyreine Raum'' als Postulat. 473
die für dessen tiefere logische Charakteristik unmittelbar
frirchtbar wird. So steht denn auch seine Raum- und Zeit-
lehre in der allgemeinen philosophischen Diskussion mitten
inne und führt uns, indem sie in ihrem allmählichen Fort-
schritt die verschiedenen systematischen Gesichtspunkte nach
einander zu Worte kommen läßt, durch alle einzelnen Ent-
wicklungsstufen des Problems hindurch.
Das erste umfassende Werk über die Mechanik vom
Jahre 1736 setzt bereits mit der entscheidenden Frage ein,
die fortan von Euler durch dreißig Jahre hindurch fest-
gehalten und von immer neuen Seiten her angegriffen wird.
Die Bewegung zeigt uns, wenn wir sie in der Art auffassen,
in der sie sich der ersten unbefangenen Betrachtung dar-
bietet, lediglich einen Prozeß der Ortsveränderung: der „Ort"
selbst aber kann nicht anders, denn als Teil des unermeß-
lichen, unendlichen Raumes bestimmt werden, in dem die
Körperwelt enthalten ist. ,,Da wir uns indessen von diesem
unermeßlichen Raum und den Begrenzungen in ihm keine
bestimmte Idee zu bilden vermögen, so
pflegt man statt seiner einen endlichen R^um und körper-
liche Grenzen zu betrachten und nach ihnen die Bewegung
und Ruhe der Körper zu beurteilen. So sagen wir, daß ein
Körper, der in bezug auf diese Grenzen seine Lage beibehält,
ruht, derjenige dagegen sich bewegt, der seine Lage hin-
sichtlicii ihrer verändert. Dabei muß jedoch, was wir über
den unendlichen Raujn ^nd die Begrenzungen in ihm gesagt
haben, so gefaßt werden^ daß man beide Bestimmungen jiur
im Sinne reiner m a t h em a t i s c h e r Begriffe nimmt.
Mögeii diese^^orstellungeiT immerhin imi metaphysischen
Spekulationen scheinbar in Widerspruch stehen, so können
wir sie doch mit Recht zu unserem Zwecke anwenden. Wir
behaupten nämlich gar nicht, daß es einen derartigen un-
endlichen Raum und feste und unbewegliche Abgrenzungen '
in ihm gebe, sondern, unbekümmert um sein Dasein oder
Nichtsein, postulieren wir nur, daß derjenige, der die absolute
Ruhe oder Bewegung betrachten will, sich einen solchen
Raum vorstelle und darnach über den Zustand der (
Ruhe oder Bewegung eines Körpers urteile. Diese Er-
474 Leonhard Euler.
wägung stellen wir nämlich am bequemsten in der Weise an,
daß wir von der Welt ganz absehen (animum a mundo abstra-
hentes) und uns einen unendlichen leeren Raum denken, in
dem die Körper sich befinden"^). Das Problematische, das
diesen Erklärungen anhaftet, tritt in dem zwiespältigen und
vieldeutigen Ausdruck der „Idee" deutlich zutage. Der reine
Raum soll nicht die Setzung eines für sich bestehenden selb-
ständigen Dinges bedeuten, sondern er will nicht mehr
sein als ein V o r s t e 1 lun gspostulat. Auf der
anderen Seife aber wird "deutlich, daß wir mit allem, was
Sinne und Einbildungskraft uns darbieten, der eigenartigen
Forderung, die hier an uns gestellt wird, nicht zu genügen
vermögen: wir sind gänzlich außerstande, den Inhalt, um den
es sich handelt, in eine einzelne Vorstellung zu fassen.
Welches psychologische Mittel bleibt uns also, um diese
Forderung zu realisieren? Betrachten wir den absoluten
Raum mit Rücksicht auf die gewöhnliche metaphysische
Grundunterscheidung des physischen oder psychi-
schen Seins, so sehen wir ihn alsbald in eine unhaltbare
Mittelstellung versetzt: die Sphäre des „Subjekts" wie die
des „Objekts" scheint ihn in gleicher Weise auszuschließen.
Und noch ein stärkeres Bedenken allgemein methodischer
Art muß sich gegen ihn geltend machen. Der absolute Raum
und die absolute Zeit werden von Newton und nach ihm von
der gesamten mathematischen Physik fort und fort als der
wahre mathematische Raum und die wahre mathe-
matische Zeit bezeichnet, während allen unseren Aussagen
über relative Räume und Zeiten nur eingeschränkte und
bedingte Gewißheit zugesprochen wird. Damit aber ergibt
sich, wie es scheint, eine völlige Umkehr aller logischen Wert-
verhältnisse. Mit welchem Rechte machen wir eine Fiktion,
^) „Namque non asserimus d a r i llujusmodi spatium infinitum,
quod habeat limltes fixos et immobiles, sed sive sit, sive non sit non
curantes, postuiamus tantum, ut motum absolutum et quietem abso-
lutam contemplaturus sibi tale spatium repraesentet ex eoque de cor-
porum statu vel quietis vel motus judicet.*' E u 1 e r , Mechanica sive
motus scientia analytice exposita, 2 tom., Petrop. 1736 — 42, De-
finit. II, Scholion 1 u. 2.
Mathematische, und metaphysische ,,Wahrh£it'\ 475
von der wir gänzlich dahingestellt sein lassen, ob ihr irgend
etwas Objektives entspricht, zum Maßstab für unsere
empirischen Urteile, die doch den Inbegriff dessen ausmachen,
was uns bekannt und zugänglich ist? Ist damit nicht das
Grundübel aller bisherigen Philosophie, ist damit nicht die
ontologische Denkart wiederum in die Physik
eingedrungen und wird nicht die unmittelbare Sicherheit
unserer Erfahrungserkenntnis zugunsten einer ,, Hypothese"
verdunkelt und herabgesetzt? Oder sollte es eine tiefere
Rechtfertigung der Begriffe des absoluten Raumes und der
absoluten Zeit, sollte es ein anderes logisches Kri-
terium geben, das ihnen ihre unbedingte Gültigkeit
sichert ?
Indem wir diese Fragen stellen, sehen wir uns damit un-
mittelbar zu dem Punkte hingeführt, an dem Eulers spätere
Untersuchungen einsetzen. Die ,,Beflexions sur Tespace et
le temps", die im Jahre J748 in den Schriften der Berliner
^liademie erscheinen, geben der Frage sogleich eine all-
gemeinere prinzipielle Wendung. Ehe das besondere Problem
in Angriff genommen werden kann, handelt es sich vor allem
darum, zwischen dem metaphysischen und dem
mathematischen Wahrheitsbegriff eine
Entscheidung zu treffen. Der Prüfstein hierfür aber
kann nirgends anders, als in den Prinzipien der wissen-
schaftlichen Mechanik liegen und in den Be-
wegungsgesetzen, die sie an die Spitze stellt.
Diese Gesetze sind so fest gegründet und von so unumstöß-
licher Sicherheit, daß sie das alleinige Fundament für alle
unsere Urteile über die Körperwelt bilden müssen; und sie
behaupten diesen Wert, gleichviel ob es gelingt, sie aus an-
geblich höheren Sätzen der Metaphysik abzuleiten oder nicht.
,,X)ie Gewißheit der mechanischen Grundsätze muß uns in den
dornigen Untersuchungen der Metaphysik über das Wesen
und die Eigenschaften der Körper zum Führer dienen. Jede
Schlußfolgerung, die ihr widerstreitet, wird man, so gegründet
sie auch erscheinen mag, mit Recht verwerfen*. Die ersten
Vorstellungen, die wir uns von den Dingen außer uns bilden,
sind gewöhnlich so dunkel und unbestimmt, daß es äußerst
476 Leonhard Euler.
gefährlich ist, aus ihnen sichere Schlüsse ziehen zu wollen. Es
ist daher schon ein großer Fortschritt, wenn man von anderer
Seite her Ergebnisse kennt, auf die auch die Sätze der Meta-
physik zuletzt hinauskommen müssen, und diese Folge-
rungen sind es sodann, nach denen man die metaphysischen
Grundideen richten und denen gemäß man sie bestimmen
muß"^). In der Frage nach der Natur des Raumes und der
Zeit gewinnen wir daher sogleich ein festes Richtmaß, wenn
wir diese Begriffe nicht für sich und in abstrakter Isolierung
erfassen, sondern sie in der Verhältnisstellung und Verknüpfung
betrachten, die sie miteinander im Prinzip der Be-
harrung eingehen. Die Wahrheit dieses Prinzips steht
außer Frage und ist dem Streit der Schulen entrückt: die
verschiedenen philosophischen Parteien bemühen sich gleich-
mäßig, sie zu erweisen und sie von den eigenen Voraus-
setzungen aus verständlich zu machen. Nicht was Raum und
Zeit an und für sich sind, sondern als was sie in der Aus-
sprache und Formulierung des Trägheitsgesetzes g ebraucht
werden, bildet also die entscheidende Frage. Genügt die
Betrachtung der relativen Orte und relativen Bewegungen,
um den Inhalt des Gesetzes verständlich zu machen, so mögen
wir bei ihnen stehen bleiben; zeigt es sich dagegen umgekehrt,
daß das Gesetz seinen vollen und klaren Sinn erst erhält,
wenn wir über diese Betrachtungsweise fort zu einem ab-
soluten Räume und zu einer absoluten Zeit hinausgehen, so
ist die Notwendigkeit dieser Begriffe erwiesen. Der Einwand,
daß wir in ihnen nur unsere eigenen Vorstellungen hyposta-
sieren, wird alsdann hinfällig: ,,denn es ist offenbar eine
absurde Behauptung, daß reine Einbildungen den realen
Prinzipien der Mechanik als Grundlage dienen
könnten"^).
Bevor wir Eulers eigene positive Entscheidung betrachten,
gilt es vor allem, den charakteristischen Ausgangspunkt
seiner Untersuchung ins Auge zu fassen. Es ist ein neuer
Weg, der uns hier gewiesen wird, um zur Klarheit über die
1) E u 1 e r , Reflexions sur l'espace et le temps. (Hist. de l'Acad.
des Sciences et Beiles Lettres, 1748.) § I u. II.
2) Reflexions, § IV u. V.
Der absolute Raum und das Beharrungsgesetz. 477
Realität unseres Wissens zu gelangen. Die wirkliche
Natur des Raumes und der Zeit erschließt uns nicht die un-
mittelbare sinnliche Beobachtung; — aber auch die psycho-
logische Zergliederung der Vorstellungen kann uns nicht zum
Ziele führen. Das Wesen beider ist vielmehr einzig und allein
nach der Funktion zu bestimmen, die sie im System der
mathematischen Physik erfüllen. Der Inbegriff der mecha-
nischen Grundsätze bildet, da er die Voraussetzung für alle
exakte Erklärung der Phänomene ist, den Archimedischen
Punkt unseres Wissens. Den vagen spekulativen Bestre-
bungen steht hier ein festes Faktum entgegen, das sich
nicht beiseite schieben oder wegdeuten läßt. Eulers Lehre
ist die philosophische Mündigkeitserklärung der neuen mathe-
matischen Wissenschaft, die es fortan unternimmt, aus sich
selbst heraus den echten Maßstab der „Objektivität" auf-
zustellen, statt ihn sich durch irgendein fremdes Interesse
aufdrängen zu lassen. Die Philosophie hat — wie nunmehr
scharf und unzweideutig ausgesprochen wird — die Er-
fahrung nicht zu meistern, sondern lediglich sie zu verstehen
und ihre Fundamente bloßzulegen. Erweisen sich unsere
psychologischen oder metaphysischen Begriffe zu eng, um
den Inhalt, den die physikalische Wissenschaft uns bietet,
unter sich zu fassen, so liegt die Schuld lediglich an diesen
Begriffen selbst; so müssen wir sie so lange berichtigen und
umgestalten, bis sie der Aufgabe, für die sie zuletzt bestimmt
sind, volles Genüge tun. In dieser Auffassung fixiert Euler
nur das allgemeine Ideal, das der exakten Forschung der
Zeit beständig vorgeschwebt hatte; — es ist bezeichnend, daß
die gleiche Forderung, die er hier stellt, wenngleich in geringerer
Prägnanz und Bestimmtheit zur selben Zeit von M a c -
1 a u r i n , nach Newtons Tode dem bedeutendsten englischen
Mathematiker, erhoben wird^).
^) S. M a c 1 a u r i n , An account of Sir Isaac Newtons philo-
sophical discoveries, London 1748, Buch II, Cap. 1, § 9: „I know that
some metaphysicians of great character condemn the notion of absolute
Space and accuse mathematicians in this of realizing too much their
ideas, but if those philosophers would give due attention to the pheno-
mena of motion, they would see, how ill grounded their complaint is.
478 Leonhard Euler.
Halten wir nunmehr an dem allgemeinen Kriterium fest,
so ist das Urteil über die besondere Frage, die uns hier be-
schäftigt, mittelbar bereits gegeben. Der Metaphysiker, der
die Begriffe des absoluten Raumes und der absoluten Zeit
leugnet, hat die Aufgabe, sie im Aufbau des Systems der
Mechanik durch andere und triftigere zu ersetzen. Er möge
somit seine eigenen Definitionen des Ortes und der Dauer
einsetzen, um zu sehen, wie weit sie sich dem deduktiven
Gefüge der mechanischen Grundsätze und Theoreme wider-
spruchslos einordnen. Aber man braucht nur ein einziges
Mal diesen Versuch zu unternehmen, um alsbald für immer
von seiner Undurchführbarkeit überzeugt zu werden. Be-
trachten wir etwa die Cartesische Definition, nach der der
Ort eines Körpers durch die Beziehung zu den Körpern
seiner Nachbarschaft bestimmt wird, und ver-
suchen wir unter dieser Voraussetzung das Trägheitsgesetz
zu formulieren: so werden wir also behaupten müssen, daß
ein Körper, auf den keine äußere Kraft einwirkt, seine Lage
gegenüber den ihm zunächst stehenden und ihn unmittelbar
berührenden Stoff teilen nicht zu ändern vermöge. Daß
indessen diese Folgerung absurd wäre, ist leicht zu sehen:
genügt es doch, die Einwirkung der Kraft, ohne daß wir den
Körper selber durch sie betroffen denken, auf seine materielle
Nachbarschaft zu richten, um sogleich das konstante wechsel-
seitige Lageverhältnis zwischen beiden aufgehoben zu sehen.
Allgemein zeigt es sich, daß das Bezugssystem, das
wir stillschweigend voraussetzen, wenn wir einem sich selbst
überlassenen Körper eine Bewegung von gleichförmiger
Geschwindigkeit und Richtung zuschreiben, uns niemals
im Bereich des empirisch wahrnehmbaren Seins unmittelbar
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